Ältere Migranten sind besonders von Altersarmut bedroht

Das Deutsche Zentrum für Altersfragen (DZA) ist ein vom Bund gefördertes Forschungsinstitut, dessen Ziel es ist, die Lebenslagen, Lebenssituationen und Lebensstile älter werdender Menschen im gesellschafts- und sozialpolitischen Kontext zu untersuchen. Zweck des Instituts ist es laut Satzung, Erkenntnisse über die Lebenslage alternder und alter Menschen zu sammeln. Jetzt hat das DZA eine brisante Studie zum Risiko von Altersarmut älterer Migranten vorgelegt.

Die Bevölkerung mit Migrationshintergrund  in Deutschland ist im Durchschnitt jung im Vergleich zur Gesamtbevölkerung: Menschen mit Migrationshintergrund sind durchschnittlich nur 35,4 Jahre alt (Angabe für 2016), Personen ohne Migrationshintergrund aber mehr als 10 Jahre älter, nämlich 46,9 Jahre. Migrantinnen und Migranten der 1. Generation sind durchschnittlich 44,2 Jahre alt, die der 2. Generation 16,2 Jahre. Aber es gibt auch Gruppen von Migrantinnen und Migranten, die ein hohes Durchschnittsalter haben: (Spät-)Aussiedlerinnen und (Spät-)Aussiedler der 1. Generation (50,2 Jahre) sowie ehemalige Arbeitsmigrantinnen und -migranten („Gastarbeiter“) (62,6 Jahre). Diese beiden Gruppen sind somit im Durchschnitt sogar älter als nicht migrierte Personen.

Im Osten und auf dem Land leben kaum Migranten

Bei der regionalen Verteilung der Menschen mit Migrationshintergrund zeigt sich ein deutliches West-Ost-Gefälle. Während nach den Daten des Mikrozensus 2016 in Westdeutschland und Berlin 17,8 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund lebten, waren es in den neuen Ländern lediglich 0,8 Millionen.

Menschen mit Migrationshintergrund leben häufiger in Städten und seltener in ländlichen Regionen als Personen ohne Migrationshintergrund.

Migranten im Berufsleben schlechter gestellt

Migrantinnen und Migranten sind auf dem Arbeitsmarkt strukturell benachteiligt. Von den Migrantinnen und Migranten der 1. Generation zwischen 40 und 64 Jahren sind 23 Prozent nicht erwerbstätig, gegenüber 15 Prozent der Personen ohne Migrationshintergrund. Das ist unter anderem auf die höhere Arbeitslosigkeit der Migrantinnen und Migranten in diesem Alter zurückzuführen.

Migrantinnen und Migranten im Alter von 40 bis 64 Jahren sind seltener als Führungskräfte beschäftigt als Personen ohne Migrationshintergrund. Hingegen werden sie wesentlich häufiger als Hilfsarbeitskräfte eingesetzt als Personen ohne Migrationshintergrund.

Einkommen und Vermögen von Migranten eher am unteren Rand

Die vergleichsweise schlechteren Chancen der älteren Migrantinnen und Migranten am Arbeitsmarkt tragen auch dazu bei, dass ihre materielle Lage in vielen Fällen prekär ist und sie daher auch besonders oft armutsgefährdet sind. Im Durchschnitt verfügen Migrantinnen und Migranten im Alter von 40 bis 85 Jahren über ein monatliches Nettoeinkommen von knapp 1.400 Euro (äquivalenzgewichtet). Personen ohne Migrationshintergrund dieser Altersgruppe stehen mit mehr als 1.800 Euro deutlich besser da. Tatsächlich sind ältere Migrantinnen und Migranten sehr viel häufiger von Armut bedroht als Personen ohne Migrationshintergrund. 28 Prozent der Zugewanderten im Alter von 40 bis 85 Jahren sind armutsgefährdet, aber nur 10 Prozent der Personen ohne Migrationshintergrund.

Subjektives Gesundheits-Empfinden ist schlecht

Migrantinnen und Migranten berichten öfter eine schlechte subjektive Gesundheit als Personen ohne Migrationshintergrund. Das ist vor allem bei ehemaligen Arbeitsmigrantinnen und -migranten der Fall. Nicht nur bei der subjektiven Gesundheit sind die Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen deutlich, auch die Zahl der körperlichen Erkrankungen unterscheidet sich: Der Anteil von Personen mit fünf und mehr Erkrankungen ist bei Migrantinnen und Migranten der 1. Generation höher als bei Personen ohne Migrationshintergrund. Das betrifft auch hier vor allem ehemalige Arbeitsmigrantinnen und -migranten, von denen 27 Prozent mindestens
fünf Krankheiten angeben. In dieser Gruppe berichtet auch ein größerer Anteil als in den übrigen Gruppen (35 Prozent) eine schlechte funktionale Gesundheit.

Pflege findet in der Familie statt

Pflegebedürftigkeit setzt bei Personen mit Migrationshintergrund in einem jüngeren Alter ein als bei Personen ohne Migrationshintergrund. In Privathaushalten lebende
pflegebedürftige Personen mit Migrationshintergrund sind im Durchschnitt deutlich jünger (62 Jahre) als diejenigen ohne Migrationshintergrund (73 Jahre). Zugleich sind Erstere mit 15 Prozent häufiger in Pflegestufe III als Pflegebedürftige ohne Migrationshintergrund (9 Prozent). Mehr noch als in der einheimischen Bevölkerung wird die Pflege alter und kranker Eltern in den Migrantenfamilien als Aufgabe der Familie gesehen beziehungsweise insbesondere der erwachsenen Kinder.

Generell wird in Migrantenfamilien bei der Pflege kaum professionelle Unterstützung hinzugezogen. Die Betreuung älterer Migrantinnen und Migranten in einem Alten- oder Pflegeheim stellt eine Ausnahme dar.

Sozialsystem vor enormen Herausforderungen

Die seit der Mitte des 20. Jahrhunderts eingewanderten Arbeitsmigranten werden in den nächsten Jahren in Rente gehen. Wie auch in der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund steigt die Zahl der Hochaltrigen in der Zukunft deutlich. Das Renten- und Gesundheits- und Pflegesystem stehen damit vor enormen Herausforderungen. Der Bedarf an medizinischer Versorgung und kultursensibler Pflege wird deutlich zunehmen.


Quelle: DZA-Report Altersdaten „Migrantinnen und Migranten in der zweiten Lebenshälfte“ (Download: https://www.dza.de/fileadmin/dza/pdf/Report_Altersdaten_Heft_2_2017.pdf) 

Bild: Dieter Schütz / pixelio.de

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