Armes Deutschland?

Armes Deutschland
Armes Deutschland

Altersarmut in Deutschland: Das Schlimmste steht uns noch bevor Bild: Uschi Dreiucker, pixelio.de

 

Der Mannheimer Soziologie-Professor Bernhard Ebbinghaus im Interview über die Grenzen unseres Rentensystems, steigende Altersarmut – und Lösungen

 

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Der von der Bundesregierung veröffentlichte Bericht zur Altersarmut klingt dramatisch. Die Veröffentlichung zog allerdings nur verhalten eine Debatte nach sich. Wird das Thema von der Politik, gerade vor der kommenden Bundestagswahl, auf die lange Bank geschoben?

Bernhard Ebbinghaus:

Ich denke man muss, auch wenn es einen Zusammenhang gibt, zwischen bisherigen Rentenreformen und zukünftiger Altersarmut unterscheiden. Auch wenn die Altersarmut in den letzten Jahren gestiegen ist, liegt das Problem noch in der Zukunft. Unser derzeitiges Problem ist das Abschmelzen der Ansprüche als Ergebnis vergangener Reformen, von dem vor allem Niedrigeinkommen, besonders auch Frauen, betroffen sind, die eben auch keine Riester- oder betriebliche Altersversorgung haben.

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Unser Rentensystem basiert noch immer auf dem Bismarck`schen Sozialversicherungssystem des 19. Jahrhunderts. Der demografische Wandel ist aber auch schon länger sichtbar. Passt das noch zusammen?

Der Hintergedanke bei den Rentenkürzungen aus demografischen Gründen der letzten Jahre war es ja, die entstehende Lücke durch Eigenvorsorge zu schließen. Nur, bei kapitalgedeckten Zusatzrenten wie der von Riester gibt es im Moment wegen der Anlagevorschriften und der Niedrigzinspolitik nur geringe Ertragsaussichten.

Und man muss auch feststellen, dass das Sozialversicherungsprinzip an seine Grenzen kommt. Systeme, die stärker eine Grundsicherung eingebaut haben, also etwa in den skandinavischen Ländern oder wie in Großbritannien die Eigenvorsorge verpflichtend machen, haben im Hinblick auf die Altersarmut eine deutlich bessere Absicherung.

Bernd Ebbinghaus

„Unsere europäischen Nachbarn stehen besser da!“ Bernhard Ebbinghaus, Professor für Makrosoziologie an der Fakultät für Sozialwissenschaften, Universität Mannheim

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Was können wir von den anderen lernen?

Am besten steht zur Zeit die Niederlande da, die eine relativ niedrige Altersarmut hat. Dort fußt die Versorgung auf zwei Säulen: Eine staatliche Grundsicherung, die sehr großzügig ausgebaut ist und die den Vorteil hat, dass sie gerade Teilzeitbeschäftigte gut absichert mit einer Armut vermeidenden Grundrente. Zusätzlich gibt es die sozialpartnerschaftlichen Zusatzversorgungen, wo entsprechend in der Regel 90 Prozent der Arbeitnehmer versichert sind.

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Ein Model für Deutschland?

Eine Grundrente in Deutschland einzuführen ist sehr schwierig. In den Niederlanden wurde das Model in den 50er Jahren eingeleitet und hat sich seitdem langsam entwickelt. Aber auch ein Sozialversicherungssystem würde eine Mindestrente zulassen. Wie in Frankreich zum Beispiel, so dass man, wenn man über einen gewissen Zeitraum eingezahlt hat, Anspruch auf eine Grundsicherung hat und gar nicht auf Sozialhilfe angewiesen ist.

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Woran scheiterte dies bisher?

Zwar hat sich das Problem der Altersarmut mit ihrem Anstieg in den letzten fünf Jahren verschärft, aber solche Grundsicherungselemente sind relativ teuer. Außerdem haben Rentenreformen immer diejenigen geschont, die vor der Rente stehen, die demografischen Lasten wurden so auf die künftige Generation geschoben.

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Bekommen wir zur Altersarmut künftig auch noch einen Generationenkonflikt?

Im Hinblick auf Generationengerechtigkeit erwarten auch junge Leute heute von staatlicher Seite eine Alterssicherung für später. So wie sie es von ihren Eltern und Großeltern kennen. Darin sehe ich aber keinen Generationenkonflikt. Sie wollen Ihren Eltern oder Großeltern ja nichts wegnehmen, damit sie selbst es mal besser haben werden. Umso wichtiger ist es auch vor diesem Hintergrund eine Grundsicherung durchzuführen, damit junge Menschen sich auf die staatliche Rente auch bei flexiblem Berufsleben verlassen können. An der Grundsicherung führt also kein Weg vorbei.

Das Gespräch führte Peter Lewandowski.

Lesen Sie dazu den Kommentar von Uwe-Matthias Müller, Geschäftsführender Vorstand Bundesverband Initiative 50Plus

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