Der Aufstand gegen die Zwangspensionierung. – Ein Kommentar von Helmut Muthers (Babyboomer) in BZ-Nachrichten.

Das darf doch nicht wahr sein! Ein früherer Kollege ist heute 65, gesund, topfit, unternehmungslustig. Er war fast sein gesamtes berufliches Leben als Finanzberater einer Bank tätig und sehr erfolgreich. Mit 63 wurde er von seinem Vorgesetzten „für zu alt befunden“ und in den „wohlverdienten“ Ruhestand „abgeschoben“. Nach wenigen Monaten wurde es ihm zu langweilig, er suchte und fand eine neue Beschäftigung als selbstständiger freier Vermögensberater. Mittlerweile lassen sich viele seiner früheren Kunden von ihm beraten. Sie beklagen die dauernden Personalwechsel bei seinem früheren Arbeitgeber. Für einen Unternehmer managt er die Finanzierung und den Bau eines Mehrfamilienhauses. Er ist inzwischen Vorsitzender eines Sportvereins und engagiert sich als Stadtrat in der Kommunalpolitik. Für seinen früheren Betrieb ist er ein ernst zu nehmender Wettbewerber geworden. Das ist seine Antwort auf die für ihn viel zu frühe Abschiebung in die Rente.

Alt und unmotiviert?

Von wegen. Immer mehr ältere Arbeitnehmer würden gerne länger arbeiten, wenn man sie denn lassen würde. Viele wünschen sich jedoch eine flexible Beschäftigung, die ihren Fähigkeiten angepasst ist. Jeder zweite Arbeitnehmer ab 55 würde auch nach dem Renteneintritt weiterarbeiten. Zwei von drei Befragten begründen ihren Wunsch nach einer längeren Lebensarbeitszeit mit dem Bedürfnis nach Teilhabe und persönlichen Kontakten sowie dem Bestreben, geistig wie körperlich aktiv und fit zu bleiben. (Umfrage im Auftrag des Versicherungskonzerns Aegon, 2016)

Wie schon an anderer Stelle beschrieben, kommt für viele Menschen die Pensionierung viel zu früh. Wer sich an seinem 65. Geburtstag zehn Jahre jünger fühlt, so denkt und sich so gibt, ist nicht reif für die Rente. Sich plötzlich in einer Lebenssituation wiederzufinden, die man noch nie hatte und worauf die wenigsten vorbereitet sind, kann erheblichen Stress und sogar Krankheiten auslösen. Dabei geht es nicht darum, die Menschen bis zum Lebensende zum Weiterarbeiten zu zwingen. Aber warum überlässt man diese persönliche Lebensentscheidung nicht dem einzelnen selbst? Warum kann nicht der Mitarbeiter mit seinem Chef – unter Berücksichtigung betrieblicher Interessen – das Ende seiner Beschäftigung vereinbaren? Es geht bei diesem wichtigen Thema um Selbstbestimmung über das eigene Leben und das persönliche Wohlergehen. Ob und wann ein Mitarbeiter in Rente gehen will, kann er für sich selbst sicher am besten entscheiden.

Der Aufstand gegen die bisherige Art der Zwangspensionierung hat längst begonnen. Was manche ältere Menschen tun, um länger arbeiten zu dürfen, ist faszinierend. Die serbische Ärztin Mirjana Stanojcic plante dafür sogar eine Geschlechtsumwandlung. Der Hintergrund war ein neues Gesetz, nachdem Frauen mit 60,5 Jahren, die männlichen Kollegen aber erst mit 65 in Rente gehen müssen. Stanojcic wurde daraufhin vom Krankenhaus in Gornji Milanovac, in dem sie arbeitet, aufgefordert, in Pension zu gehen. Das lehnte sie ab. „Mein gleichaltriger Kollege kann weiterarbeiten und ich nicht“, schrieb die 64-jährige Mirjana Stanojcic der Nachrichtenagentur AFP. Daher habe sie sich „entschieden, ein Mann zu werden“. Inzwischen befasst sich das serbische Verfassungsgericht mit dem Fall und prüft das Gesetz auf diskriminierende Inhalte. Bis zu einer Entscheidung wurden die Neuregelungen ausgesetzt.

Schon 2011 entschied der Europäische Gerichtshof (EuGH) nach einer Klage von drei Piloten der Lufthansa, dass Fluggesellschaften ihre Piloten nicht mehr zwangsweise mit 60 Jahren in den Ruhestand schicken dürfen. Die bei der Lufthansa gültige Altersgrenze sei eine Diskriminierung und verstoße gegen europäisches Recht. Das Musterurteil könnte auch Altersgrenzen anderer Berufsgruppen infrage stellen. Laut geltendem Recht können Berufspiloten bis 65 Jahre aktiv sein, diese Altersgrenze stellt der EuGH nicht infrage. Nach Ansicht des Gerichts ist ein Verbot mit 60 Jahren aber „unverhältnismäßig“ und „für den Schutz der öffentlichen Sicherheit und der Gesundheit nicht notwendig“. Zudem seien für Pilotenlizenzen ohnehin regelmäßig medizinische und technische Checks vorgeschrieben. International gilt die Vorgabe: Hat ein Pilot die 60 überschritten, darf er noch fünf Jahre in Passagiermaschinen weiterfliegen, wenn außerdem ein Pilot unter 60 im Cockpit sitzt. Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Christine Lüders, begrüßte die Entscheidung. „Diese Entscheidung sollten wir zum Anlass nehmen, Altersgrenzen in Tarifverträgen kritisch zu prüfen“, sagte Lüders. „Der an das Alter geknüpfte Zwang zum Aufhören ist nicht mehr zeitgemäß.“

Dem ist nichts hinzuzufügen. Warum müssen Mitarbeiter, die weiterarbeiten wollen, vor die Gerichte ziehen, damit sie das dürfen? Das ist doch Irrsinn. Schließlich werden die Menschen nicht nur deutlich älter als vor wenigen Jahrzehnten, die meisten sind zudem bis ins hohe Alter körperlich und geistig fit. Sie haben eine völlig andere Einstellung zum Leben, wollen es genießen und sich einbringen. Warum nimmt man ihnen die Entscheidung darüber ab, festzulegen, wie sie ihr (Arbeits-)Leben gestalten? Die beiden Beispiele zeigen, dass viele Menschen selbst bestimmen wollen, wann sie in den „wohlverdienten Ruhestand“ gehen wollen.

Autor Helmut Muthers

Seit mehr als 17 Jahren fokussiert sich Helmut Muthers auf die Chancen der gesellschaftlichen Alterung und den Unternehmenserfolg bei älteren Kunden und Mitarbeitern. Er gehört zur älteren Generation und kennt die Folgen der demografischen Veränderungen aus exakt dieser Perspektive.

Mit mehr als 1.600 Auftritten gehört Helmut Muthers zu den gefragtesten Rednern mit Themen wie „Sie brauchen keine neuen Kunden. Nehmen Sie die Alten.“ und „Die Mitarbeiter werden grau! Na und? Abschied vom Jugendwahn in der Personalpolitik.“

Helmut Muthers ist Betriebswirt, war Bankvorstand und Sanierer mittelständischer Banken. 1994 gründete er das MUTHERS INSTITUT für Strategisches Chancen-Management. Er ist Landes-Geschäftsführer Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz des Bundesverbandes Initiative 50Plus e.V. und Expert-Member des Club 55 (europäische Gemeinschaft von Marketing- und Verkaufsexperten).

Helmut Muthers ist Autor, Mitautor und Herausgeber von 24 Fach- und Hörbüchern, unter anderem „Ab 50 ist man alt… genug, um zu wissen, was man kann und will“, „30 Minuten Marketing 50+“, „Wettlauf um die Alten“.

Er ist Herausgeber des renommierten Coaching-Briefes „Monatliche Praxistipps für die Finanzwirtschaft“ (www.monatlichepraxistipps.com).

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