Der Tag der Arbeit! – Ein Feiertag ohne Berechtigung? – Ein Kommentar von Sascha Rauschenberger in BESTZEIT-PLUS

Ein gesetzlicher Feiertag ist ein Tag von besonderer Bedeutung im jährlichen Arbeitsjahr. Er ist ein Wert, den Horst Seehofer auch in seiner Eigenschaft als neuer Heimatminister erhalten will. Und Feiertage sind deshalb arbeitsfrei, damit ihrer Bedeutung als Wert und als wiederkehrendes Ereignis auch vollumfänglich ohne arbeiten zu müssen gedacht werden kann. Als zusammenhaltender Basiswert einer Gesellschaft. Also einem Wert, der allein deshalb schon wieder an Bedeutung gewinnt, weil er auch als Grundlage dessen anzusehen ist, was nun Integration heißt.

Und die Arbeit ist etwas, was diese Grundlage ausmacht. Eine Arbeit, die uns zu Wohlstand geführt hat aber einmal – neben Geld und Boden – ein Produktionsfaktor war, der nicht auskömmlich war. Der nicht zum Leben reichte. Der trotz Sechstagewoche bei Zwölfstundenschichten nur zu Not und Elend taugte. Zu Hunger, hoher Kindersterblichkeit, Krankheit und niedrigen Lebenserwartungen. Auch weil Kinder mitarbeiten mussten, damit die Familie überleben konnte.

Wo der sogenannte „Schrebergarten“ existenzwichtig war. Nicht, um da Gartenpartys zu betreiben und im Schatten der Bäume zu dösen, sondern weil im Schrebergarten die Frauen Kartoffeln und Gemüse anbauten für die Küche, damit der Lohn am Ende des Monats reichte. Und war der Sommer verregnet, wie 1848/49, dann herrschte Hunger und es kam zu Unruhen. Hungeraufständen und politischen Umwälzungen.

Eine dieser Umwälzungen war die Gründung von Arbeiterparteien. Die wichtigste hier in Deutschland war der „Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV)“ die spätere SPD. Die Sozialistische Partei Deutschlands. Neudeutsch jetzt Sozialdemokratische Partei Deutschlands.

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Karl Marx schrieb mit „Das Kapital“ kein Werk, dessen Forderungen ihm aus dem Himmel entgegenfielen. „Das Kapital“ ist wohl das die damalige Gesellschaft am genausten beschreibende Werk, das je über einen Abschnitt in der Menschheitsgeschichte geschrieben wurde.

Es beschreibt eine Zeit, in der der Faktor Arbeit – also das Humankapital, der Mensch – beliebig austauschbar war. Von jetzt auf gleich zu entlassen war. Ohne Grund. Gern auch aufgrunf eines einfachen Wutanfalles des Vorgesetzten oder Fabrikherrn. Wo es kein Betriebsverfassungsgesetz gab. Kein Arbeitsrecht. Keine soziale Auffangmatte. Wo der Steiger im Ruhrgebiet noch die „Steigernacht“ praktizierte und damit dem mittelalterlichen „Primus Nocte“ neue Abartigkeit einhauchte. Schlicht: wo der Arbeiter rechtloses Nutzvieh des machtvoll aufstrebenden Großbürgertums war, das gern auch Dank politischer Querverbindungen gegen Streikende und „aufmüpfige“ Arbeiter Polizei und Militär einsetzte. Durchaus auch mit aufgepflanzten Bajonett oder vom hohen Ross herab mit gezücktem Säbel. Und keine Zeitung weinte den Opfern eine Träne nach, während die Familien der Opfer hungerten.

Dennoch wurde die Arbeiterschaft in der sich ausbreitenden Industrialisierung stärker, weil sie beständig größer wurde. Einflussreicher. Wo selbst das aus der zu zahlenden Steuerhöhe abgeleitete Dreiklassenwahlrecht nicht mehr reichte, um dem Herrn Thyssen und Herrn Krupp in Essen die absolute Stimmenmehrheit zu bescheren und IHREN Abgeordneten in den Reichstag zu schicken. Wo die „Sozialistengesetze“ gegen die „rote Brut“ erlassen wurden, aber auch, durch den sehr geschickt agierenden Reichskanzler Otto von Bismarck die deutsche Sozialgesetzgebung geschaffen wurde. Nicht aus Einsicht in die Sache, sondern zur Beruhigung einer nun im Reichstag sitzenden SPD und ihrer stetig wachsenden Anhängerschaft im Reich.

Wie das kommunal und innerbetrieblich aussah, welche Welten dort aufeinanderprallen und Abhängigkeiten immer stärker wurden, kennt jeder von uns aus der Schule, wo „Der Untertan“ von Heinrich Mann Pflicht-Lektüre war und Dieter Hessling sein unternehmerisches und gesellschaftliches Unwesen trieb, wie wir damals schon empfanden. Und dennoch musste er mit seinem Betriebsrat, seiner Gewerkschaft am Ende kooperieren. Man war aufeinander angewiesen, wie eigentlich immer schon. Nur hatten die Arbeiter nun Rechte. Weil sie nun Macht hatten. Und diese Macht haben sie sich erkämpft. Jahr für Jahr. Hungerwinter über Hungerwinter.

Millionen verließen aufgrund des Elends das Land und bildeten die Auswandererströme, die Hapag Lloyd groß gemacht und Teile der USA und Südamerikas besiedelt haben. Dort die Industrialisierung gefördert haben. In den USA sogar das Elend befeuert haben, wo es lange keine Sozialstrukturen gab und die Rechte der Arbeiter zum Teil bis heute deutlich hinter den europäischen Standards hinterherhinken. Wo das Wort „Raubkapitalismus“ geprägt wurde, weil eben hier die Armee bis zum Ende des vorletzten Jahrhunderts gegen Streikende eingesetzt wurde. Gegen Schwarze sogar bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts. Wo „the Land of the free“ nur als Parole für die wohlhabenden „WASP“ taugte.

Das zeigt auch, dass mit dem „Kommunistischen Manifest“ ein Papier geschaffen wurde, dass international Bedeutung hatte. Für alle Arbeiter. Weltweit gedacht war. Der Faktor Arbeit und das individuelle Recht zur Existenz ein Weltkulturgut ist, das der gesamten Menschheit gehört. Kein Spielball der geschichtlichen Entwicklung, des persönlichen Gustos oder einer trendgerechten ideologischen Beliebigkeit unterliegt.

Daher war die Forderung nach einem Feiertag für diese Errungenschaft innerhalb der Arbeiterschaften groß, wurde aber stets durch das konservative Lager unterdrückt. In Deutschland – nach dem verlorenen ersten Weltkrieg  -wurde der Antrag auf einen Gedenktag 1919 im Reichstag noch niedergeschmettert, was klar anzeigt, wieviel Macht der Arbeiterschaft und ihren Rechten noch entgegenstand. Die „Dolchstosslegende“ des verlorenen Krieges wurde aufgebauscht. „Den Roten“ das Kriegsergebnis in die Schuhe geschoben. Alte Feindbilder fundamentiert. Als Begründung für das Nachkriegselend.

Auch das ist Teil der Erinnerung, die den Tag der Arbeit ausmacht.

Gern wird erwähnt, dass dann die Nazis die Gewerkschaften zerschlugen und ab dem 2. Mai. 1933 mit der DAF (Deutsche Arbeitsfront) gleichschalteten. Vergessen wird, dass die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, am 10. April 1933 den Tag der Arbeit am 1. Mai 1933 erstmals zum gesetzlichen Feiertag erhob und damit die Massen der Arbeiter begeisterte. Einem der zentralen Ansprüche der Arbeiterschaft folgten. Ihr Wahlversprechen umsetzte, was nicht unerheblich zur Festigung dessen diente, was dann zur NS-Tyrannei werden konnte.

Dass der Feiertag durch die Alliierte Kontrollkommission nach dem Krieg bestätigt wurde, war selbstredend, denn der 1. Mai als „Tag der Arbeit“ oder „Labor Day“ ist ein internationaler Feiertag. Ein Tag, wo alle arbeitenden Nationen der Welt den Wert der Arbeit, das Recht auf Arbeit und damit auskömmlicher Existenz sowie einer Gesellschaft, deren Fortschritt auf gemeinsamer Arbeit basiert, feiern. Wo Geld, Boden und Arbeit gleichberechtigt nebeneinander stehen sollten. Und als Eingeständnis und Versprechen auf Gegenseitigkeit nie wieder zu dulden, was am Anfang dessen stand, was auslösend für den Kampf war.

Die Bundesrepublik Deutschland ist nun offensichtlich ein wohlhabendes Land. Und der „Tag der Arbeit“ war bis in die 80er noch einen festen Bestandteil im Leben der Arbeiterschaft. Strassenbahnen und Busse fuhren mindestens mit Fähnchen geschmückt, deren Halterungen werkseitig schon angeschraubt waren, als Serienausstattung dazu gehörten. Es gab Kundgebungen der Parteien und Gewerkschaften, zu denen tausende zusammenkamen. Im (Sonntags-)Anzug. Teilweise die Kinder an der Hand. Gern auch nach der Messe. Denn auch die Kirchen hatten Anteil daran, dass der Weg dahin gelang. Und es war auch für sie ein schwieriger Weg, die Arbeiterschaft zu fördern. Bis sie entdeckten, dass Jesus kein Fabrikbesitzer war und etwas von Nächstenliebe und Gleichheit gepredigt hat.

Doch seit Mitte der 70er gibt es einen steigenden Wohlstand. Ausgelöst durch deutlich bessere Lohnabschlüsse wurde vieles, was in den 60er noch als Wunschtraum galt, möglich. Fernurlaube, das eigene Auto, größere Wohnungen und Fernseher.

Letztere förderten dann die allabendliche Flasche Bier vor der Flimmerkiste, anstatt das Gespräch in der Kneipe nebenan, wo man andere Arbeiter getroffen hätte. Gemeinschaft gepflegt hätte. Das Kneipensterben und der fehlende Austausch begann… Identität ging verloren.

Auch wurde durch den industriellen Strukturwandel die Arbeiterschaft ausgedünnt und „Malocher“ mutierten zu Angestellten, die per se und von sich aus sich nicht (mehr) als Arbeiter sahen.

Arbeit wurde auch gesellschaftlich in das Handwerk verbannt, das dann neuerdings zunehmend als „dreckig“ angesehen wurde und daher auch jetzt enorme Probleme hat zukünftige Arbeiter/Fachkräfte(!) zu finden.

Einige glauben sogar, dass Arbeiter die Aussortierten der Bildungspolitik sind, die sich auf das Studium fokussiert und letztlich Geringqualifizierte als unumgänglichen Bodensatz des unerschöpflichen Fachkräftepools zurücklassen. Wie sagte einmal ein Industrieverbandsführer: „Es werden immer Leute gebraucht, die den Maschinen zuarbeiten.“ Dieser Satz allein zeigt, dass es noch ein geistiges und soziales Potential gibt, dass verbesserungswürdig ist und Charly Chaplin’s Film-Werk „Moderne Zeiten“ durchaus auch heute noch interessant macht.

Alles Punkte, die jede für sich Studien rechtfertigen würden, aber in der Summe etwas geschafft haben, was die Opfer dieses Prozesses über fast 150 Jahre sich niemals getraut hätten zu denken: das ihr Opfer schlicht zu einem bloßen arbeitsfreien Tag wurde. Kein Feiertag an sich, für das Gedenken. Nein: zu einem bloßen Tag für persönlichen Firlefanz, der auch noch bezahlt ist. Und das dann alles ist…

Hat der Tag der Arbeit noch eine gesellschaftliche und ursächliche Relevanz? Kann er abgeschafft werden?

Jetzt schluckt jeder Leser. Zu Recht!

Wenn auch das Schlucken den individuellen Widerspruch widerspiegelt einen Tag länger arbeiten zu sollen. Ein Recht abgeben zu müssen. Stimmt‘s? Eigentlich peinlich, oder?

Aber der Tag HAT seine Berechtigung! Und das mehr denn je.

Der demographische Wandel – und die parallel laufende Digitalisierung – ist eine Herausforderung, die unser Land grundlegend für immer verändern wird. Am Ende werden wir fast 15 Millionen Menschen weniger hier leben haben. 2,5 Millionen Arbeitskräfte mehr verlieren, als durch die Digitalisierung eingespart werden. Zusätzlich aber all die hier haben, die schon jetzt hinsichtlich ihrer Qualifikation dem Arbeitsmarkt nicht entsprechen, hierher kamen, vom Wohlstand angelockt und nun erkennend, dass dieser Wohlstand auf der weltweit zweithöchsten Steuerlast basiert und auf einer Form der Arbeit fusst, die sie nicht von jetzt auf gleich oder bloße Anwesenheit erreichen können.

Besonders dann wenn die heisse Phase der Entwicklung des demografischen Wandels ganz offensichtlich am Ende eines fast zehn Jahre nach oben gerichteten Wirtschaftszyklus stattfinden wird.

Und auch, wenn die Stützung der Sozialsysteme, die auch einen Teil unseres erkämpften Wohlstands widerspiegeln, nur durch immer längere Lebensarbeitszeit gewährleistet werden kann. Es aber keine Planungen, Konzepte und Ideen gibt, wie eben unsere hochproduktive Arbeit so gestaltet werden kann, dass sie auch für immer ältere Arbeitnehmer leistbar ist. Gesundheitlich, stressspezifisch, weiterbildungstechnisch aber auch eigenproduktiv. Sie nicht staatlich gesponsert werden muss, was der Stützung der Sozialsysteme widerspricht. Dies betrifft vor allem jene Unternehmen, die klein und mittelständisch sind und die noch immer hoffen, dass es schon irgendwie funktionieren wird.

Somit ist Merkels Plan zur Schaffung eines gesponserten Systems der Sozialarbeit letztlich eine Rückkehr zum sozialistischen Wohlfahrtsstaat, der mit der DDR in Deutschland und sonst aber auch überall auf der Welt gescheitert ist. Ein aktuelles Beispiel ist Venezuela…

Wo selbst Gewerkschaften nicht erkennen, dass die Forderung nach mehr Lohn an dem vorbeigeht, was die Belegschaften brauchen: Arbeitssicherheit bis ins hohe Alter. Weil sonst, sollten sie keine 45 Beitragsjahre haben, des Arbeiter‘s Arbeit nicht mehr reicht, um der Altersarmut zu entgehen.

Der Tag der Arbeit hat also seine Berechtigung. Und in Zeiten reduzierter und ungleicher verteilter Wohlstände und dem Gefühl des Verlustes werden die Menschen wieder zusammenfinden, wie das schon immer war. Individueller Wohlstand schafft Gleichgültigkeit. Die Gleichgültigkeit, wie sie gerade herrscht. Ändert sich das, ändert sich auch die individuelle Grundhaltung und dieser Tag heute, gewinnt wieder an neuer Bedeutung.

Als Tag, an dem man Zeit hat für sein Recht zu demonstrieren, zu zeigen, dass da was im Argen liegt; und als Tag das Recht einzufordern, auch wirklich Arbeiten zu können, um nicht in(Alters) Armut zu enden. Wo man als 50Plus nicht zum Alteisen gehört und meist von Personalern übersehen wird. Ein Tag, wo man der Politik Druck machen kann.

Und es ist wahrlich kein Tag, an dem angeblich linke Freunde des Sozialismus randalieren dürfen. Als einem Tag, den sie für Anarchie, Despotismus und Gewaltverherrlichung hernehmen, um ihrer bornierten vollversorgten Langeweile ein Lichtlein zu setzen. Ein Lichtlein, dass ihnen jeder geprügelte und hungernde Arbeiter des 19. Jahrhunderts, der je für seine Rechte gekämpft hat, mit Freude ausgeblasen hätte, weil sie die Ziele und Ideen dessen verraten, wofür sie wirklich gekämpft, geblutet haben und weltweit zu tausenden gestorben sind. Wahrlich ermordet wurden von einem Staat und einer Gesellschaft, die erst lernen mussten, bevor er ihnen den Feiertag zugestand.

Und auch heute muss dieser Staat wieder lernen. Er muss eine Menge lernen. Als politischer Machtapparat. Als Nation. Als Gesellschaft. Und individuell auch jeder für sich. Und es ist ein Gedanke, der neu aufgegriffen werden muss:

Nichts ist umsonst – auch nicht Arbeit.

Um die Möglichkeit, dass jeder eine auskömmliche Arbeit hat muss gekämpft werden!
Um die Chance die Qualifikation dazu zu erreichen und zu halten(!), muss gekämpft werden!
Um eine Gesellschaft, die Arbeit wertschätzt – egal welche(!) – muss gekämpft werden!
Um Arbeit produktiv und wettbewerbsfähig zu halten, muss gekämpft werden!
Um Arbeit bis ins hohe Alter möglich zu machen, muss gekämpft werden!

Der 1. Mai als Tag der Arbeit, hat also eine Berechtigung. Er hat auch eine Erinnerungsgeschichte. Aber es ist kein Tag mehr, an dem man bedenkenlos feiern kann oder sollte. Es ist ein Tag, wo der Steuerzahler seine Rechte für das einfordert, was er mit seiner Arbeit jahrzehntelang unterstützt hat:

Sein gottverdammtes Recht von seiner Arbeit auch im Alter leben zu können!!!

Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Nur so „ist Deutschland ein Land, in dem wir gut und gerne leben“, … Frau Merkel.

Der Autor Sascha Rauschenberger

Sascha Rauschenberger, geboren 1966 in Wattenscheid, ging nach dem Abitur zur Bundeswehr, wo er als Panzeraufklärer und Nachrichtenoffizier Dienst tat. Er diente, unter anderem als Reservist, in vier Auslandseinsätzen, zuletzt als Militärberater in Afghanistan.

Seit 2000 ist er als Unternehmensberater im Bereich Projektmanagement und Arbeitsorganisation (Future Work) tätig.


Beitragsbild: DGB

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