Die neuen Bremer Stadtmusikanten – der Esel zahlt die Zeche. Eine Glosse von Sascha Rauschenberger

Das Märchen von den „Bremer Stadtmusikanten!“ ist alt und der Spruch „komm mit, denn etwas was Besseres als hier finden wir allemal“, im Gedächtnis verankert. Neben dem Roland ist es wohl das Stadtzeichen von Bremen schlechthin. Und wird es wohl auch bleiben. Vielleicht etwas moderner gesehen…

Der Dukatenesel Michel, zwar keine eierlegende Wollmilchsau, aber nah dran, ist in die Jahre gekommen. Seine Nutznießer haben erkannt, dass das ausgezehrte Tier am Rande dessen ist, was noch Gewinn verspricht. Junges Blut muss her. Esel, die auch so nett arbeiten können, Dukaten schei… und dabei stets glücklich lächeln, während andere die goldenen Dukaten einsacken. Glücklich lächeln, weil sie auch zu naiv – OK: auch zu dämlich – sind, um zu merken, was gespielt wird.

Und während der Esel weiter Dukaten produziert, sind dem Ruf neben anderen Eseln auch die ersten Hunde gefolgt. Das wurde dem Esel Michel als Sicherheit verkauft. Hunde sind bekanntlich wachsam, schützen die Herde und das ist für alte Esel nicht unwichtig. Der Esel Michel lächelte, kaute Gras, schi… weiter Dukaten und war glücklich. Selbst dann noch, als erste Füchse sich auf ihm einnisteten. Dann Kojoten, Schakale und schließlich der Wolf.

Der Wolf, nennen wir ihn mal mit urgermanischem Namen Irfan, darf dem dummen Esel natürlich nicht sagen, was er ist, weil selbst der glücklichste Esel mit einem Wolf nichts Nettes zu verbinden vermag. Schon gar nicht in einem Alter, wo der Esel Michel sich schon etwas langsamer bewegt. Letztlich so langsam, dass er gar nicht merkt, wie die Dukaten zunehmend in andere Bahnen und Taschen verschwinden.

Daher versucht der Wolf Irfan nun die Tarnung als Rechtsanwalt und hantiert mit Paragraphen, Eingaben und Klagen bis der Esel Michel schielt. Das hat Vorteile, denn er sieht seine Dukaten nun zweimal und denkt sich nichts dabei, dass eine „der Hälften“ nun verschwindet.

Dabei hilft die einäugige Ratte, die aufgeplustert aussieht wie eine nette Katze. Immerwährend klagt sie ihr Leid auf dem linken Auge blind zu sein und hofiert den Wolf, da sie ihn ja braucht, um nicht runterzufallen…

Doch der Wolf passt schön auf, dass da nichts ins Wanken gerät, da die knuffig aussehende Ratte ihn ja unterstützt. Letztlich auf den Dukatenregen aufmerksam gemacht hat. Ihn sogar eingeladen hat. Sogar dafür gesorgt hat, dass Germania – Pardon: Justizia!! – Dank Augenbinde schon lange nicht mehr mitbekommt, dass ihre Waage nicht mehr geeicht ist. Das TÜV-Siegel ihres Handwerkzeugs genauso gut ist, wie das Roulette eines Hinterhofcasinos, wo in roter Plüschatmosphäre um immer höhere Dukatenbeträge gespielt wird, die der Esel Michel gefälligst pünktlich zu schei… hat.

‚So lässt sich leben‘, denkt sich der Wolf Irfan. ‚Jetzt fehlt nur noch ein wenig Musik…‘

Der Wolf schaut sich um und sagt sich, dass es nett wäre jemanden zu haben, der gewinnträchtig von sich aus bereit ist ihn bei seinem edlen Tun zu unterstützen. Jemanden, der erkennt wie nötig es ist, dem Esel Michel jemanden zur Seite zu stellen, der ihm einen neuen Schwung gibt weiter Dukaten zu schei…, damit Wolf und Ratte möglichst unbemerkt von Michel weiter ihr bescheidenes Auskommen haben. Und wenn dieser jemand wie ein Vogel flöten kann, wäre das doch nett.

So fand man den komischen Vogel Ulrike, der auch schon in die Jahre gekommen war und endlich die Gelegenheit fand eine Flöte zu blasen. Nicht für Geld, sondern für das Konzerterlebnis und die gute Laune.

Wolf Irfan weinte zwar nicht gerad vor Glück, aber die Dukaten kamen nun schneller und es herrschte nicht gerade Konzertstimmung, aber der komische Vogel Ulrike vervollständigte das Ensemble von aussen.

Die Ratte sah es, war froh zumindest halbblind zu sein und kraulte dem Wolf voller Mitgefühl den Pelz, während der den Mond anheulte und sein Opfer pries…
Natürlich wurden Wolf und Ratte immer reicher. Das war aus beider Sicht alternativlos.

Letztlich genauso wie der Esel Michel immer älter wurde, was Alternativen nötig machte. Daher sagte man dem Esel, dass er noch ein wenig länger Dukaten zu schei… hat, damit die Neuen Werte wachsen könnten. Sie wären gut für die Weide…

Dass Wolf und Ratten nicht vor Lachen vom Esel fielen, war nur ihren Krallen zu verdanken, die festen Halt garantierten.

Da stellte Irfan der Ratte die Frage, während Ulrike die Flöte blies, was denn passiert, wenn der Esel Michel mitbekommt, wie er um seine Dukaten gebracht wird, zumal schon auffällig viele Schakale, Kojoten und Füchse sich um den Esel tummelten.

Da sagte die Ratte, dass es nicht opportun wäre solche Fragen zu stellen, zumal die Esel besser nicht aufhören sollte glücklich zu sein.

Daher entsandten sie das Schweinchen Peterle, der das so koordinieren sollte, dass das vielfältige Flötenspiel der exotischen Vögel als Konzert verstanden wird. Auch und gerade für den Esel Michel, der weiter glücklich sein soll. Und muss. Letzteres ist wirklich und unangefochten alternativlos. Solange der Esel nur ruhig die Zeche für Wolf und Ratte in goldenen Dukaten zahlt.

Der Autor Sascha Rauschenberger

Sascha Rauschenberger, geboren 1966 in Wattenscheid, ging nach dem Abitur zur Bundeswehr, wo er als Panzeraufklärer und Nachrichtenoffizier Dienst tat. Er diente, unter anderem als Reservist, in vier Auslandseinsätzen, zuletzt als Militärberater in Afghanistan.

Seit 2000 ist er als Unternehmensberater im Bereich Projektmanagement und Arbeitsorganisation (Future Work) tätig.


Fotoquelle: Yusuf Simsek: „Die neuen Bremer Stadtmusikanten“ http://simsek.ch/

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