Die Unternehmen holen ihre Rentner zurück. – Ein Kommentar von Helmut Muthers (Babyboomer) in BZ-Nachrichten.

„Ich habe es immer lächerlich gefunden, dass wir einen Mann automatisch in den Ruhestand schicken, sobald er 65 wird, ganz gleich, in welchem Zustand er sich befindet. Wir sollten uns auf unsere älteren Mitarbeiter stützen. Sie haben die Erfahrung. Sie sind weise.“
(Lee Iacocca, geboren 1924, US-amerikanischer Manager)

Sobald in einem Unternehmen ein Personalabbau durchgeführt wird, gibt es oft keine betriebsbedingten Kündigungen. Stattdessen werden die Probleme durch die „natürliche Fluktuation“ gelöst: Ältere Mitarbeiter werden vorzeitig in den Ruhestand geschickt oder mit Erreichen der Altersgrenze pensioniert. Die dadurch frei gewordenen Positionen werden nicht wieder besetzt.

Tatsächlich würden allerdings viele ältere Menschen gerne über die Pensionierung hinaus arbeiten, unausrottbare Vorurteile lassen ein solches Ansinnen meistens unmöglich erscheinen. Unternehmen verschwenden oft leichtfertig Potenzial und berufen sich auf ein gesetzliches System der Frühverrentung, das in unserer heutigen Gesellschaft weder aus biologischer noch aus ökonomischer Sicht sinnvoll ist. Ein verheerender Fehler.

Ein Bekannter von mir, Projektleiter für große Bauvorhaben in einem internationalen Konzern mit mehreren Hunderttausend Beschäftigten, wurde mit Anfang 62 in den Ruhestand verabschiedet. Nach zwei Jahren fragte seine Firma bei ihm an, ob er wieder arbeiten und als Projektleiter den Bau eines Logistikzentrums an einem Hafen übernehmen wolle. Das Unternehmen war nicht in der Lage, die Aufgabe intern oder extern zu besetzen. Mein Bekannter willigte mit Begeisterung ein und ist seit zwei Jahren wieder aktiv. Er fühlt sich sehr wohl und kann seine jahrzehntelange Erfahrung einsetzen.

Warum schickt man solche Mitarbeiter – oft vorzeitig – in Rente, vor allem dann, wenn nicht sichergestellt ist, dass ihr kaum ersetzbares Knowhow dem Unternehmen erhalten bleibt? Der Druck der Verhältnisse am Arbeitsmarkt hat mittlerweile zu anderen personalpolitischen Ansätzen geführt. Vielerorts hat man verstanden, dass die Strategien der Vergangenheit keine sinnvollen Antworten bieten. Der Altersdurchschnitt vieler Belegschaften liegt heute bei 45 und mehr Jahren: bei der Deutschen Bahn zum Beispiel bei 46 Jahren und bei der Bayer AG bei 47 Jahren, er steigt bis 2022 auf 49 Jahre. BMW „altert“ noch schneller. In fünf Jahren wird fast die Hälfte der Mitarbeiter älter als 50 Jahre sein.

Dass vor diesem Hintergrund Unternehmen ihre bereits pensionierten Mitarbeiter wieder zurückholen, ist zum Trend geworden. Der Autobauer Daimler, der Technologiekonzern Siemens, der Handelskonzern Otto Group, die Würth-Gruppe oder der Energiekonzern E.on praktizieren dies seit einigen Jahren. Sie alle verlassen sich bei speziellen Aufträgen immer mehr auf „altgediente“ Angestellte. Vor allem hoch qualifizierte Mitarbeiter freuen sich, wieder gebraucht zu werden und gehen gerne in ihren alten Betrieb zurück.

Einer der Pioniere dieser Entwicklung ist der Technikkonzern Bosch, der schon 1999 eine eigene Gesellschaft, die Bosch Management Support GmbH (BMS), gründete. Mittlerweile sind dort 1.600 Senioren-Experten registriert. Sie alle arbeiten zeitlich befristet. Viele von denen, die von Anfang dabei sind, sind schon hoch in den Siebzigern und immer noch in der Bosch-Welt tätig. Im Jahr 2013 gab es mehr als 1.000 Beratungsaufträge mit insgesamt 50.000 Einsatztagen. Der größte Vorteil ist, dass die Experten den Konzern in- und auswendig kennen. Jeder dritte Berater kommt im kaufmännischen Bereich zum Einsatz, mehr als jeder fünfte hilft in der Fertigung aus.

Daimler hat 2013 einen Expertenpool eingerichtet und im gleichen Jahr fast 100 Ruheständler zurückgeholt. „Space Cowboys“ heißt das Programm und inzwischen sind dort rund 460 ältere ehemalige Mitarbeiter angemeldet. Auch die Hamburger Otto Group setzt seit 2012 auf pensionierte Mitarbeiter, die als Experten zeitweise an den Schreibtisch zurückkehren. Vor allem ihr Erfahrungsschatz ist gefragt, weil ihr Wissen nicht ohne weiteres am Markt verfügbar ist. Aktuell beschäftigt Otto etwa 50 Pensionäre als sogenannte Seniorexperten.

Ab wann ist ein Mitarbeiter für Sie alt? Amerikanische Führungskräfte halten ihre Mitarbeiter bis 60 für voll leistungsfähig – deutsche dagegen nur bis zu einem Alter von 51 Jahren. Dazu passt, dass in den USA jeder fünfte Mann über 70 noch erwerbstätig ist, davon die Hälfte sogar in Vollzeit.

Autor Helmut Muthers

Seit mehr als 17 Jahren fokussiert sich Helmut Muthers auf die Chancen der gesellschaftlichen Alterung und den Unternehmenserfolg bei älteren Kunden und Mitarbeitern. Er gehört zur älteren Generation und kennt die Folgen der demografischen Veränderungen aus exakt dieser Perspektive.

Mit mehr als 1.600 Auftritten gehört Helmut Muthers zu den gefragtesten Rednern mit Themen wie „Sie brauchen keine neuen Kunden. Nehmen Sie die Alten.“ und „Die Mitarbeiter werden grau! Na und? Abschied vom Jugendwahn in der Personalpolitik.“

Helmut Muthers ist Betriebswirt, war Bankvorstand und Sanierer mittelständischer Banken. 1994 gründete er das MUTHERS INSTITUT für Strategisches Chancen-Management. Er ist Landes-Geschäftsführer Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz des Bundesverbandes Initiative 50Plus e.V. und Expert-Member des Club 55 (europäische Gemeinschaft von Marketing- und Verkaufsexperten).

Helmut Muthers ist Autor, Mitautor und Herausgeber von 24 Fach- und Hörbüchern, unter anderem „Ab 50 ist man alt… genug, um zu wissen, was man kann und will“, „30 Minuten Marketing 50+“, „Wettlauf um die Alten“.

Er ist Herausgeber des renommierten Coaching-Briefes „Monatliche Praxistipps für die Finanzwirtschaft“ (www.monatlichepraxistipps.com).

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