DIW: Einkommensschichten in Bewegung

In einer Studie hat das DIW Berlin die Entwicklung der Einkommensschichten im Zusammenspiel mit Veränderungen bei den Erwerbsformen untersucht. Fazit: Nicht alle Menschen konnten von der Konjunktur profitieren. Darüber berichtet das Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA).

Die anhaltend stabile Konjunktur hat in den letzten Jahren zu einem regelrechten Beschäftigungsboom geführt. Auch die Löhne haben spürbar zugenommen. Allerdings profitierten nicht alle Bevölkerungs- bzw. Einkommensschichten vom anhaltenden Wirtschaftsaufschwung der letzten Jahre gleichermaßen.

Einkommensschichten in Deutschland

So ist beispielsweise der Anteil mit mittlerem Einkommen zwischen 1995 und 2015 gesunken. In diesen beiden Dekaden hat sich zugleich der Anteil der Armutsbedrohten und der Reichen erhöht. Das liegt daran, dass in unteren Einkommensschichten niedrig entlohnte Beschäftigungsverhältnisse stärker verbreitet sind als noch vor 20 Jahren. Zugleich besetzen in den oberen Einkommensschichten immer mehr Menschen reguläre Stellen. Nach einem deutlichen Rückgang der Arbeitslosigkeit und nach den Lohnerhöhungen der letzten Jahre sind die Einkommen inzwischen ungleicher verteilt als vor 20 Jahren. Doch das liegt im Wesentlichen an einer Zunahme der Ungleichheit bis zum Jahr 2005. Während nunmehr reguläre Arbeitsverhältnisse in den oberen Einkommensschichten häufiger vorkommen als vor 20 Jahren, sind in den unteren Einkommensschichten Niedriglöhne und Mini- oder Mehrfachjobs viel weiter verbreitet als früher. So lauten die wesentlichen Ergebnisse der Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), die auch eigene frühere Analysen sowie Untersuchungen anderer Wissenschaftler aufgreift.

Daten innerhalb von 15 Erwerbsformen

Mit diesen Untersuchungen sowie mit Hilfe der Langzeitstudie Sozioökonomisches Panel (SOEP) konnten auch Verschiebungen innerhalb der Einkommensgruppen zwischen den 15 verschiedenen Erwerbsformen identifiziert werden. Die verwendete Erwerbstypologie umfasst die gesamte Bevölkerung. So war es möglich, Nichterwerbspersonen, Erwerbspersonen und Erwerbstätige in einer Typologie darzustellen sowie Ausbildungsphasen und „Randformen“ von Erwerbstätigkeit und Nichterwerbstätigkeit (Erwerbstätigkeit neben/im Rahmen der Ausbildung, Nebentätigkeiten, unregelmäßige Erwerbstätigkeit, Arbeits- bzw. Erwerbslosigkeit etc.) einzubeziehen. Zudem ist an der Studie besonders, dass sie die gesamte Bevölkerung erfasst. Üblicherweise wird nur die Gruppe der 25- bis 64-Jährigen betrachtet.

Bewegungen an den Rändern – oben und unten

Das gewichtete Haushaltsmedianeinkommen betrug in den Jahren 2014 und 2015 in Deutschland 20.053 Euro. Der Anteil derer, die ein Einkommen in der Nähe des Medians besitzen (77 bis 130 Prozent des Medians), ist zwischen 1995 und 2015 um sechs Prozentpunkte zurückgegangen (von 47,8 auf 41,4 Prozent). Doch dies betraf zumeist die Einkommensgruppen mit mehr Nähe zum Median. Der Anteil derer mit einem Einkommen über 169 Prozent des Medians stieg innerhalb der zwei betrachteten Dekaden von 12 auf 14 Prozent. Noch stärker wiesen allerdings die Ergebnisse in den unteren Einkommensschichten darauf hin, dass die Einkommenslücke zwischen Niedrig- und Besserverdienern erheblich ausfällt. So gab es 2015 mehr Menschen (29 Prozent), die lediglich über ein Einkommen unterhalb von 77 Prozent des Medians verfügten, 20 Jahre zuvor waren es 25 Prozent.

Zunahme der Erwerbsbeteiligung

Parallel dazu hat die Erwerbsbeteiligung in Deutschland seit 1995 deutlich zugenommen. Das gilt insbesondere für Frauen und ältere Personen. Bei den Männern nahm die Quote von 79 auf 84 Prozent zu, bei den Frauen von 57 auf 73 Prozent. Auch die Arbeitslosigkeit ist zurückgegangen. Die verstärkte Nachfrage von Arbeitskräften hat dafür gesorgt, dass der Anteil der Bevölkerung ohne Erwerbszugang sich in der Altersgruppe zwischen 25 und 64 Jahren halbiert hat. Damit einher ging allerdings auch eine Verbreitung von geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen. Auch eine Zunahme sogenannter ausdifferenzierter Arbeitszeiten (Teilzeit- und andere Arbeitszeitmodelle) war zu verzeichnen. Diese und andere Trends führten auf dem Arbeitsmarkt zu einer Zunahme der Lohnspreizung bis 2005. Die Auswirkungen dieser Entwicklungen auf die Einkommensverteilung sind nach den Worten der Wissenschaftler aber nicht eindeutig. Vielmehr wirkten die Faktoren in komplexer Weise zusammen und führten manchmal auch „in gegenläufige Richtungen.“

Mehr atypische Erwerbstätigkeit

So ist in den unteren Einkommensschichten der Anteil der Beschäftigten mit niedrigen Löhnen stetig gestiegen. Dieser Trend zeigte sich dort deutlicher als in anderen Schichten. Zudem ging die Nicht-Erwerbstätigkeit zurück, allerdings wurde häufig stattdessen nur eine atypische Erwerbstätigkeit aufgenommen. In Gruppen mit mittlerem Einkommen blieb die Quote der Beschäftigten in regulären Arbeitsverhältnissen (Vollzeit) stabil. Allerdings gingen auch hier mehr Menschen einer niedrig entlohnten Beschäftigung nach. In den oberen Einkommensgruppen gibt es mehr Beschäftigte mit „normalen“ Arbeitsverhältnissen. „Insgesamt machen diese Entwicklungen deutlich, dass der erfreuliche Beschäftigungsanstieg der vergangenen Jahre nicht alle gleich erreicht hat und allein nicht ausreichen dürfte, um allen in der Gesellschaft Wohlstand und Teilhabe zu ermöglichen“, so das Resümee der Autoren.

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