Erst 1916 wurde das Rentenalter auf 65 Jahre herabgesetzt. – Ein Kommentar von Helmut Muthers (Babyboomer).

Dass unsere Gesellschaft auch künftig weiter massiv altert, ist so unumstößlich wie die Tatsache, dass am 24. Dezember Heiligabend ist und am 1. Januar ein neues Jahr beginnt. Wer Zeitungen oder Online-Magazine liest und sich für die neuesten Nachrichten interessiert, wird fast täglich darauf hingewiesen, dass nicht nur die Kunden, sondern natürlich auch die Mitarbeiter in den Unternehmen beständig älter werden. Trotzdem beschleicht mich immer wieder das Gefühl, dass an den meisten Betrieben die dramatischen demografischen Veränderungen schlichtweg vorübergehen.

Nach wie vor sind der Jugendwahn und eine „Nichtwahrhaben-wollen-Mentalität“ weitverbreitet. Eine der häufigsten Aussagen von Teilnehmern nach meinen Vorträgen ist: „So habe ich die Konsequenzen der Alterung für mich und mein Unternehmen noch nie gesehen.“ Die Bedeutung der Alterung für den eigenen Betrieb wird einerseits offensichtlich nicht erkannt. Der Altersaufbau der Belegschaft stellt für viele kurzfristig kein erkennbares Problem dar. Andererseits herrscht in vielen Firmen das „Sankt-Florian-Prinzip“ („Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd’s andere an!“). Sie gehen wohl davon aus, dass der Alterungskelch an ihnen irgendwie vorübergeht und sich diese Herausforderung aussitzen lässt. Das funktioniert aber schon seit vielen Jahren nicht mehr, wie die nicht enden wollenden Klagen über den Fachkräftemangel und die Schwierigkeiten bei der Rekrutierung junger Mitarbeiter zeigen.

Es wird höchste Zeit, zu verstehen, dass wir uns mitten in einer Entwicklung befinden, die den Arbeitsmarkt und die Belegschaftsstrukturen massiv und dauerhaft verändert. Mit kleineren kosmetischen Korrekturen ist da nichts mehr zu machen. Die älteren Mitarbeiter müssen umgehend in den Fokus der Aufmerksamkeit. Eine Mitarbeitergruppe also, die in der Vergangenheit meist im personalpolitischen Niemandsland zu finden war. Frühpension, Vorruhestand und Altersteilzeit gehörten noch in der jüngeren Vergangenheit zu den legitimen Strategien einer allseits akzeptierten Personalpolitik.

Die dahinter stehenden Denkmuster von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sind allerdings längst von der Realität überholt und für die Zukunftstauglichkeit der Firmen höchst gefährlich geworden. In den kommenden Jahren und Jahrzehnten fehlen nämlich die, die in der Vergangenheit mehr als ausreichend vorhanden waren: arbeitsfähige Menschen unter 65. Die Zahl der Nachwuchskräfte bleibt in der Zukunft unzureichend, Schulabgänger und ausgelernte Mitarbeiter studieren immer öfter und die Altersstruktur der Beschäftigten verschiebt sich unaufhaltsam nach oben.

Die Abhängigkeit der Unternehmen von ihren Mitarbeitern wächst rasant. Das marktwirtschaftliche Prinzip von Angebot und Nachfrage funktioniert auch auf dem Arbeitsmarkt bestens. Die Beschäftigungschancen für jüngere und ältere Menschen wachsen unaufhaltsam. Das herrschende Altersbild und Vorurteile müssen überprüft werden. Der Umgang mit älteren Mitarbeitern braucht Erneuerung, ihr Image in den Betrieben muss verbessert werden.

Verantwortungsvolle Unternehmer beeinflussen und gestalten ein Thema wie die Beschäftigungsdauer auch aus gesellschaftspolitischen Gründen. Als Reichskanzler Otto von Bismarck Ende des 19. Jahrhunderts die Sozialsysteme einrichtete, stand dabei auch der Gedanke des „wohlverdienten Ruhestands“ im Vordergrund. Zu einer Zeit, als die weitaus meisten Menschen in körperlich anstrengenden Berufen, in der Landwirtschaft, in der Industrie oder im Bergbau beschäftigt waren, war das richtig und durchaus gerechtfertigt. Hinzu kam, dass zu dieser Zeit die durchschnittliche Lebenserwartung unter 50 Jahren lag.

Die meisten Menschen starben also schon vor Beginn ihres Ruhestands. Wer damals in Rente gehen und Zahlungen aus der Rentenversicherung beziehen wollte, musste zudem bis zum 70. Lebensjahr arbeiten.

Autor Helmut Muthers

Seit mehr als 17 Jahren fokussiert sich Helmut Muthers auf die Chancen der gesellschaftlichen Alterung und den Unternehmenserfolg bei älteren Kunden und Mitarbeitern. Er gehört zur älteren Generation und kennt die Folgen der demografischen Veränderungen aus exakt dieser Perspektive.

Mit mehr als 1.600 Auftritten gehört Helmut Muthers zu den gefragtesten Rednern mit Themen wie „Sie brauchen keine neuen Kunden. Nehmen Sie die Alten.“ und „Die Mitarbeiter werden grau! Na und? Abschied vom Jugendwahn in der Personalpolitik.“

Helmut Muthers ist Betriebswirt, war Bankvorstand und Sanierer mittelständischer Banken. 1994 gründete er das MUTHERS INSTITUT für Strategisches Chancen-Management. Er ist Landes-Geschäftsführer Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz des Bundesverbandes Initiative 50Plus e.V. und Expert-Member des Club 55 (europäische Gemeinschaft von Marketing- und Verkaufsexperten).

Helmut Muthers ist Autor, Mitautor und Herausgeber von 24 Fach- und Hörbüchern, unter anderem „Ab 50 ist man alt… genug, um zu wissen, was man kann und will“, „30 Minuten Marketing 50+“, „Wettlauf um die Alten“.

Er ist Herausgeber des renommierten Coaching-Briefes „Monatliche Praxistipps für die Finanzwirtschaft“ (www.monatlichepraxistipps.com).

Kommentar hinterlassen zu "Erst 1916 wurde das Rentenalter auf 65 Jahre herabgesetzt. – Ein Kommentar von Helmut Muthers (Babyboomer)."

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


%d Bloggern gefällt das: