Vor achthundert Jahren singen die Thomaner während der Gottesdienste als Gegenleistung für Schulbildung, Nahrung und Unterkunft. Heute sind es neunzig Jungen der Gameboy-Generation, die „zu Ehren Gottes“ singen – eingebunden in ein durchstrukturiertes Internatsleben, die Gottesdienste in der Leipziger Thomaskirche und das sächsische Bildungssystem.

Der Dokumentarfilm DIE THOMANER zeigt über den Zeitraum eines Jahres den Alltag dieser ganz „normalen Jungen“ mit außergewöhnlichem Talent. Ein Alltag, der von Tradition, Disziplin und vor allem einer besonderen Hingabe zur Musik geprägt ist.

Drei Jahrhunderte nach dem Wirken von Johann Sebastian Bach als Kantor der Thomaner sucht unsere Gesellschaft nach Möglichkeiten, unsere Kinder und Jugendlichen auf ein Spannungsfeld zwischen beschleunigter Leistungserbringung und dem Wunsch nach individueller Entwicklung des Einzelnen vorzubereiten. Die Regisseure Paul Smaczny und Günter Atteln dokumentieren anhand des Thomanerchores ein Erziehungskonzept, in dessen Mittelpunkt die musikalische Bildung, die Auseinandersetzung mit religiösen Traditionen und die Verantwortung gegenüber den Anderen im Mittelpunkt stehen. In wieweit kann dieses Konzept des Thomanerchores in unserer heutigen Zeit funktionieren? Die Thomaner, das sind die 9- bis 10-jährigen Kinder, deren Faszination und Talent für die Musik sie zu den Aufnahmeprüfungen des Chores kommen lässt – manchmal ist es auch nur der Wunsch der Eltern nach einer besonderen Ausbildung für ihren Sohn. Diejenigen, die bestehen, finden sich voller Vorfreude im Sommer im Alumnat des Chores ein, von wo aus sie nun täglich zum Schulunterricht in das gegenüberliegende Thomas-Gymnasium gehen werden. Manche von ihnen erahnen, dass für die nächsten neun Jahre ein Leben zwischen Erfolg und Leistungsdruck, Zweifel und Stolz, Heimweh und echter Freundschaft vor ihnen liegt. Was es für sie bedeutet, wissen sie nicht. Aufgeregt lassen sie sich durch die „Stuben“ führen und von den älteren Thomanern, die von nun an für sie verantwortlich sind, über den Alltag im Alumnat erzählen. Fußball spielen, gemeinsam essen, lernen und – immer wieder singen. Wer kann das schon von ihren gleichaltrigen Freunden?

„Man weiß nicht, was auf einen zukommt. Aber man freut sich, jetzt im Thomanerchor zu sein. Das war nämlich schon immer mein Ziel“, sagt Johannes (9), einer der Neuen. Die Thomaner, das sind auch Teenager wie Oskar, die sich verlieben und sich dem Druck der Verantwortung gegenüber den Jüngeren stellen. Sie haben sich eingewöhnt, gelernt, mit den guten und schlechten Seiten des Internatlebens und den Sticheleien ihrer Altersgenossen außerhalb des Chores umzugehen. Der geregelte Alltag zwischen anstrengenden Proben und Auftritten, Schule und den Aufgaben innerhalb der Alumnats-Hierarchie lässt die älteren Thomaner bewusster mit ihrer knapp bemessenen Freizeit umgehen. Wie so viele Teenager suchen sie in dieser Phase ihrer Entwicklung nach Antworten zu ihrer Identität. Die Auseinandersetzung mit der Musik bietet einigen von ihnen einen Rahmen, ist ein wichtiges Hilfs- und Kommunikationsmittel, über dessen Einzigartigkeit sie sich bewusst werden und auf das viele von ihnen nicht mehr verzichten wollen. „Ich bin da jetzt mitten drin. Das ist jetzt mein Leben“, sagt Oskar (15).

Und DIE THOMANER, das sind auch die jungen Erwachsenen, die sich auf „ein Leben nach den Thomanern“ vorbereiten und den bevorstehenden Abschied vom Chor ganz unterschiedlich reflektieren. Was nimmt ein Thomaner nach den Jahren in dieser einzigartigen Welt zwischen Motette, Internat und Fussballplatz mit? Die Beschäftigung mit der Musik, die sie über die Jahre gesungen haben, hat sie geprägt – in die eine oder andere Richtung.

„Ich habe für mich gemerkt, dass die neun Jahre hier an sich sehr schön waren und mich zu dem gemacht haben, was ich jetzt bin. Es ist ein wahnsinnig schönes Gefühl, hier raus zu gehen und zu wissen, dass man seine Richtung gefunden hat. Aber jetzt geht es erst richtig los. Jetzt muss man das, was man Erfahrung und Wissen hier angesammelt hat, so einsetzen, dass man wirklich vollständig wird“, fasst Stefan (18) seine Zeit bei den Thomanern zusammen. Die Methodik und die Disziplin, mit der sie sich den Kompositionen der alten Meister genähert und für sich erschlossen haben, bleiben fest in ihnen verwurzelt. In wieweit sie die Basis für ihr zukünftiges Leben sind, wird sich am weiteren Weg jedes Einzelnen zeigen.

DIE THOMANER geht der Faszination des weltberühmten Traditionsensembles nach und lässt den Zuschauer in die erhabene und einzigartige Musik von Johann Sebastian Bach eintauchen. Stolz und Begeisterung ist in den Gesichtern der Jungen zu lesen, wenn sie in Kirchen oder internationalen Opernhäusern unter den wachsamen Augen und Ohren ihres Kantors Georg Christoph Biller Messen und Kantaten singen oder sich auf dem Fußballfeld gegen die Mannschaft des Dresdner Kreuzchores schlagen. Es ist ein Leben zwischen Normalität und Einzigartigkeit.

In sensiblen Porträts folgt DIE THOMANER den Jungen auf eine große Konzertreise nach Südamerika; lässt uns an der Aufführung von frenetisch gefeierten Konzerten des Chores in Spitzenhäusern wie dem „Teatro Colon“ in Buenos Aires und dem „Teatro Solis“ in Montevideo teilhaben. Ein Erfolg, der auch seinen Preis hat. Wir sehen die Thomaner in besonders intensiven Probenzeiten, wenn sie sich auf die kirchlichen Hochfeste wie Weihnachten und Ostern vorbereiten. Kurz vor der Aufführung der Johannespassion in der Thomaskirche zu Ostern ist die Erschöpfung in den Gesichtern der Jungen nicht zu übersehen. „Ich habe mich da einfach mal entschieden, krank zu werden, um nach Hause zu fahren und ein paar Tage ausruhen zu können“, sagt einer von ihnen.

DIE THOMANER ist dabei, wenn die jungen Sänger Zweifel plagen, ob das Leben als Thomaner das Richtige ist. Wenn die Frage nach Gott, für die Jungen mit unterschiedlichem gesellschaftlichen und religiösen Hintergrund immer wieder im Raum steht. „Man muss nicht religiös sein, wenn man zum Thomanerchor kommt. Aber es kann durchaus sein, dass man es wird“, sagt Maxillian (18), einer der Thomaner, der sich während seiner Thomanerzeit taufen lässt. „Ich finde es immer wieder toll, wie breit das Spektrum der Leute ist, die sich für die Musik, die wir singen, interessieren. Das ist für mich auch immer wieder ein Zeichen, dass wir kein strenger Kirchenchor sind. Für uns ist die Musik so wichtig und bedeutend, dass eben auch die Atheisten und die Andersgläubigen sagen, die Musik ist so toll, da lass ich jetzt mal außer Acht, dass sie von Jesus und Gott handelt“, findet Oskar (15). „Die Musik aber ist der wichtigste Teil der Erziehung: Rhythmen und Töne dringen am tiefsten in die Seele und erschüttern sie am gewaltigsten“, hat Platon einst gesagt.

Mit DIE THOMANER zeigen Paul Smaczny und Günter Atteln, was die musikalische Erziehung und die Beschäftigung mit dem, wofür sie steht, für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen bedeuten kann – und was sie schaffen kann. der Film startet am 16. Februar 2012 in den deutschen Kinos.

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