Halbvoll oder halbleer? – Ein Kommentar von Renate Zott in BESTZEIT-PLUS

Mich lässt der Eindruck nicht los, dass in unserem schönen Land viele vor halb leeren Gläsern hocken.

Dabei ist die Arbeitslosenquote so gering wie seit 26 Jahren nicht mehr, die Wirtschaftsbarometer stehen auf „hoch“ und der Konsum boomt. Wenige Länder verfügen über ein vergleichbares soziales Netz, ein so hochwertiges Gesundheitssystem und auch im Hinblick auf Bildung bietet Deutschland grundsätzlich alle Möglichkeiten. Was täten WIR bloß, wenn es in UNSEREM Land darum ginge, Grundbedürfnisse wie Essen und Trinken abzudecken?!

Ich glaube, uns geht der Blick verloren. Für das Schöne und Gute, für all‘ die großen und kleinen Reichtümer, die uns umgeben. Es scheint mehr Spaß zu machen, sich in seinem kleinen Universum einzugraben und zu bemängeln, was alles so fehlt. Was alles schiefgelaufen ist, über den Tag, vom Chef, der etwas zu meckern hatte, von der Maschine, die plötzlich ausfiel, vom PC, der abgestürzt ist. Auch ich könnte einige Papiermeter – auch Bildschirmseiten – beschreiben und in dieses Jammertaler Horn blasen. Und ja ich könnte noch mehr, nämlich mich mit der Liste der Leiden abgeben, die mich und mein Umfeld zwischenzeitlich so umgibt. Da gibt es alles und am Ende denkt jeder, jeder hätte schon alles gehabt, jedenfalls an Krankheiten. Und plötzlich formiert sich ein Expertenteam aus Internetgelehrten, Erfahrungsberichtlern und Leidensgenossen. Kollektiv leidet es sich scheinbar schöner und schafft Verbundenheit. Geteiltes Leid ist halbes Leid, heißt es so schön. Anschließend muss ich das ganze Elend wieder aus meinem Kopf kriegen, das steckt nämlich leider an.

Dabei sage ich nicht, dass es keine guten Gründe gibt, manchmal zu meckern oder wehzuklagen. Aber wir haben die Wahl, ob das Glas halb voll oder halb leer ist.

Ein wunderbares Beispiel für die halb leeren Gläser ist die Frage: „Wie geht es dir?“ Ob als Floskel oder mit Interesse gefragt ist die Antwort bei mindestens 7 von 10: „Mhm, na ja, geht so“. Blick und Stimme dazu lassen meist nichts Gutes erahnen, jedenfalls keine Freude. Wenn ich dann schon mal vergnügt sage: „ausgesprochen gut“, treffen mich überraschte Blicke. Menschen die staunen, dass es mir gut geht und ich es auch noch sage. Und dabei wette ich, dass es den 9 anderen im Normalfall ebenso geht wie mir. Also ein Leben voll mit den alltäglichen Katastrophen. Aber ich denke mir, hey, das Leben ist schön und ich habe ja nur dieses eine. Warum soll ich es füllen mit schlechter Laune, Kritik an allem und jedem, der ständigen Suche nach den Krümeln, die mir nicht schmecken? Nein. Und ich suche auch nicht nach dem, was mir fehlt, sondern ich schaue auf all das Schöne was ich habe und mich umgibt. Menschen, die mich mögen. Dankbarkeit steckt da drin und Freude, an diesem Leben, an diesem Tag und in so vielen kleinen Momenten. Ich bin überzeugt, das macht das Leben leichter. Und schöner. Noch dazu für die, die mich umgeben und denen ich von meiner Lebensfreude etwas abgeben darf.

Vielleicht bin ich dazu veranlagt, positiv zu denken und gleichsam empfinde ich einen steten Lernprozess. Natürlich hat auch mein Leben nicht nur die Sonnenseite auf mich strahlen lassen. Phasen von Trennung, Schmerz und Krankheit gab es auch. Aber ich bin gestärkt aus den Tälern gekommen und habe gelernt. Meine Kraft gespürt, mein Leben in die Hand genommen. Eine der wichtigsten Lehren war und ist, Unabänderliches anzunehmen und daraus das Beste zu machen.

Klagen muss auch sein, aber am Ende macht es nichts besser, auf Dauer nur trauriger – für alle Beteiligten.

Bei allem „Abänderlichen“ liegt die Entscheidung bei mir. Anstatt zu klagen und zu meckern habe ich eine Wahl. Ich kann es weiter ertragen oder etwas ändern. Sich das anzusehen und bewusst zu machen, ist ein gutes Gefühl. Es bestärkt den Gedanken, nicht ausgeliefert zu sein, sondern selbstbestimmt und eigenverantwortlich handeln zu können. Diese Erkenntnis löst auch völlig von dem weit verbreiteten Irrglauben, irgendjemanden außer sich selbst ändern zu können. Ich weiß, Frauen wünschen sich das schon mal von ihren Männern. Und geht es den Männern eigentlich auch so? Oder sind sie in diesem Fall die klügere Spezies, weil sie verstanden haben, dass man Menschen nicht ändern kann oder können sie unsere Macken (also die von uns Damen) einfach nur besser ertragen?

Wir haben also die Wahl, unseren Mangel zu betrachten oder den Blick für das Gute im Leben zu schärfen. Es gibt so viele gute Gründe für eine große Portion vom Optimismus.

Lasst uns darauf mit meinem halb vollen Glas anstoßen 😊! Cheers!

Die Autorin Renate Zott

Renate Zott wohnt in Frankfurt am Main und ist aktive Kämpferin für ein positives Altersbild. Renate Zott, erst Versicherungs-Maklerin und jetzt Managerin einer Haustechnik-Firma, ist verheiratet und Mutter eines erwachsenen Sohnes.

Renate Zott ist Botschafterin des Bundesverband Initiative 50Plus und Kreis-Geschäftsführerin des BVI50Plus in Frankfurt am Main.

Sie betreibt den Blog www.topagemodel.de.

Renate Zott ist auch bei Facebook und Instagram.

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