Helmut Kohl – mehr als der Kanzler der Einheit – ein persönlicher Nachruf

Helmut Kohl. Viel, sehr viel ist in den letzten 50 Jahren über ihn geschrieben und gesagt worden. Alle Facetten sind beleuchtet. Wirklich alle? Ich möchte einige Augenblicke spiegeln, die ich erlebt habe. Augenblicke, die auch andere geteilt haben, die aber in der breiten Öffentlichkeit keine Rolle spielten. 

Dr. Helmut Kohl (1930 – 2017), Bundeskanzler a. D. (Bild KAS)

Helmut Kohl war ein Medienstar. Über ihn wurden Spottlieder gesungen und Lobeshymnen angestimmt. Er war omnipräsent. An seiner Person rieben sich die Öffentlichkeit und die Medien. Allein das Hamburger Nachrichten-Magazin „Der Spiegel“ brachte 34 Titelbilder seiner Hefte mit dem Motiv Helmut Kohl.

Helmut Kohl war ein Kreativer. Als Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz, als Führer der Opposition im Deutschen Bundestag und schließlich als Bundeskanzler zunächst der Bundesrepublik Deutschland und dann des vereinigten Deutschlands hat Helmut Kohl unendlich viel getan und angeschoben. Die Niederringung der starren ideologischen Fronten des Kalten Krieges, die Schaffung der Deutschen Einheit, strategische Reformen in der Europäischen Union und die Einführung einer neuen Währung, des €uro, sind nur wenige spektakuläre Beispiele.

Helmut Kohl war ein Menschenfischer. Schon in Mainz sammelte er junge Talente wie Roman Herzog, Heiner Geissler und Norbert Blüm um sich. Und der selbst noch ungewöhnlich junge Politiker Helmut Kohl galt, als er 1969 Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz wurde, als „Junger Wilder“ der deutschen Politik.

Ich habe Helmut Kohl einige Male gesehen. Zunächst sind mir Wahlkampfauftritte in den 1970iger Jahren in Berlin in Erinnerung. Franz Josef Strauß und Helmut Kohl traten gemeinsam in der Neuköllner Hasenheide auf. Diese Veranstaltungen waren groß, spektakulär und zeigten, dass Kohl rhetorisch mit FJS nicht mithalten konnte. Er muss das natürlich gewusst und gespürt haben. Nicht einzuknicken und unbeirrt weiter zu machen war und ist ein Merkmal der Stärke. Dann die Planung seines Staatsbesuches in Polen im November 1989. Um das Folgende zu verstehen, muss man sich an 1985 erinnern. Kohl hatte bei dem Besuch des US-Präsidenten Ronald Reagan in Deutschland die Visite eines Soldaten-Friedhofes in Bitburg durchgesetzt. Anlass dafür war der 40. Jahrestag der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945. Nach Wunsch der deutschen Bundesregierung sollte eine Versöhnungsgeste zwischen den damaligen Kriegsgegnern erfolgen. So befanden sich in der Begleitung der beiden Regierungschefs auch die ehemaligen Weltkriegsoffiziere und späteren Vier-Sterne-Generale Matthew Ridgway und Johannes Steinhoff, die sich über den Gräbern die Hände reichten. Leider entstand eine alles übertönende Kontroverse, da auf dem Friedhof auch einige Soldaten der Waffen-SS bestattet waren.  Nun also Polen 1989. Vorgesehen war unter anderem ein Besuch des Annaberg in Oberschlesien und ein Gedenk-Gottesdienst dort. Wer mag, kann an anderer Stelle nachlesen, welche Bedeutung die Anhöhe in Schlesien für Polen und Deutsche hatte. Und wird vielleicht verstehen, warum der geschichtsbewusste Kohl diesen Programm-Punkt plante. Ich fand die Geste großartig und groß war die Enttäuschung, als auf Druck von Interessen-Gruppen der Besuch des Annaberg abgesagt wurde (da aufgrund des Falls der Mauer das gesamte Staatsbesuch-Programm durcheinander gewirbelt wurde, hätte sich das Thema sowieso erledigt; nur wusste das ja noch niemand…). Dann der Abend des 10. November 1989 in Berlin. Die Mauer ist offen, der Kanzler verlässt Polen und eilt zu einer großen Feier nach Berlin. Dort vor dem Schöneberger Rathaus will er – ebenso wie Willy Brandt – zu den Berlinern sprechen. Seine Worte gehen in einem unfassbaren Proteststurm unter. Die Zuschauer in Berlin, in Deutschland und der Welt müssen den Eindruck gewinnen, Helmut Kohl sei eine Persona non Grata.

Es gab noch zwei persönliche Begegnungen in den 1990iger Jahren. In Berlin, an der Ecke Uhlandstraße und Kurfürstendamm befand sich das Traditions-Café Möhring, das für seine Torten, vor allem aber für seinen Baumkuchen über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt war. Dort spazierte der Kanzler der Einheit eines Tages beschwingt hinein, begleitet von einem kleinen Troß von Gesprächs-Partnern um einen Imbiß zu nehmen. Kein Gepränge, keine abschirmende Security – ein Bürger auf dem Weg in ein plüschiges Café. Und später der Sommer-Abend im vollbesetzten Café am Neuen See. Ein Szene-Treff mit Biergarten und Platz für ein paar Hundert Menschen, die den schönen Sommer in Berlin geniessen wollen. Gleiches Bild. Helmut Kohl kommt mit ein paar Begleitern um einen Imbiß zu nehmen. Die Leute erkennen ihn und – erheben sich, klatschen spontan unter „Helmut, Helmut“-Rufen dem Kanzler Beifall.

Gewiß ist Helmut Kohl der Kanzler der Einheit und der große Europäer. Es gab aber auch ein politisches Handlungs-Feld, das unsere Gesellschaft seit 1972 bewegt und bis in die Mitte des 21. Jahrhunderts begleiten und prägen wird: der demografische Wandel. Und Helmut Kohl war der erste verantwortliche Politiker, der dem Rechnung trug, indem er 1989 in seinem Kabinett eine ministerielle Zuständigkeit für Fragen der Demografie schuf. Damit bewies er auch in diesem Zusammenhang sein Gespür für strategische Fragen, die man heute bei unseren handelnden Politikern so schmerzlich vermissen kann.

Nach seinem Sturz 2008 trat Helmut Kohl nur noch punktuell in das Licht der Öffentlichkeit. Die letzten Jahre müssen für den Tat- und Genuss-Menschen Helmut Kohl unendlich schwer und traurig gewesen sein.

Helmut Kohl ist nun gegangen. Er hat sich um unser deutsches Vaterland und um Europa verdient gemacht.

Helmut Kohl – ein politisches Leben im 50PlusFernsehen

Helmut Kohl blickt auf sein Leben

In einer Interview-Reihe mit den Autoren Stephan Lamby und Michael Rutz blickte Helmut Kohl 2003 in seinem Haus in Ludwigshafen-Oggersheim auf sein Leben zurück. Kritisch und selbstkritisch bilden die 6 Interview-Teile einen lebendigen Einblick in ein deutsches Leben und 50 Jahre deutscher und europäischer Geschichte.

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Mehr von Helmut Kohl finden Sie im Internet unter Helmut-Kohl.de.

Von Uwe-Matthias Müller. Der Autor ist Vorstand des Bundesverband Initiative 50Plus.

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