Integration aus der Praxis. Ein Bericht von Renate Zott

Es ist eine Tatsache, dass im letzten Jahr extrem viele Menschen in unser Land gekommen sind. Man spricht von einer Million. Die Gründe dafür sind zahlreich und es lohnt sich nicht, die „Schuldigen“ herauszusuchen, weil es nichts an den Gegebenheiten ändert. In diesem Bereich können wir nur für die Zukunft die Weichen ändern und eine Zuwanderungspolitik gestalten, die unserem Land und unserer Gesellschaft einen geordneten und sozial verträglichen Umgang damit ermöglicht. Dass Menschen ausreisen müssen, die unsere Gesellschaft und unsere Demokratie gefährden, die kriminelle Energien ausleben oder gewalttätig sind, muss nicht mehr diskutiert, sondern umgesetzt werden. In Bezug auf die Befriedung der Welt gehört es auch zu unseren Aufgaben, dazu beizutragen, dass sich die politische Situation in den Herkunftsländern verbessert und die Menschen ihre Zukunft und ihr Leben in ihrer Heimat sehen. Deutschland allein kann die Welt nicht retten; es braucht über die Grenzen Europas hinaus Verbündete, die ihre Kräfte bündeln und gemeinsam sehr ernsthaft an dieser Herausforderung arbeiten.

Hier und heute müssen wir daran arbeiten, dass all‘ jene, die mit friedfertigen Gedanken zu uns gekommen sind und in Deutschland ihre neue Heimat suchen, die Möglichkeit bekommen, bei uns anzukommen. Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass es eine Menge Menschen gibt, die 1. Deutsch lernen und 2. arbeiten möchten. Die bereit sind, unsere Gesetze und Richtlinien, unsere Kultur mit den großzügigen Rahmenbedingungen zu respektieren und danach zu leben. Es sind jene, die es wollen. Nämlich sich hier in unserem Land eine neue Existenz aufbauen und bleiben – vielleicht für immer.

Einem solchen Menschen sind wir im Rahmen eines kommunalen Förderprogramms für Flüchtlinge begegnet und haben ihm die Möglichkeit eines Praktikums in unserem Betrieb ermöglicht. Schon nach den ersten Wochen war klar, dass Fleiß, Arbeitseinsatz, Wille, Pünktlichkeit und der soziale Umgang, also das tägliche Miteinander bei der Arbeit nicht besser sein könnten. Und obgleich wir nicht wirklich auf der Suche nach einem Mitarbeiter waren, haben wir nach den Praktikumswochen entschieden, dass wir ihn einstellen.

Das Procedere, ein legales Beschäftigungsverhältnis auf die Beine zu stellen, überstiegen allerdings meine Vorstellungskraft. Man muss Geduld, Hartnäckigkeit und einen eisernen Willen mitbringen. Es gibt viele Zuständigkeiten und die Liste der Erfordernisse und Amtsgänge ist lang und lästig. Ich stimme zu, dass alles seine Ordnung haben soll, aber es werden auch „willige“ Arbeitgeber scheitern, weil die Zeit im Tagesgeschäft für den Aufwand fehlt – für die Formularflut und auch für die persönlich, menschliche Unterstützung des Neuankömmlings. Dann bleibt es bei: ‚Es wäre möglich, aber es ist zu schwierig.‘

Damit kann sich ein Land nicht zufriedengeben, das integrieren möchte und ich gehe davon aus, WIR möchten das. Da braucht es Menschen die anpacken und machen. Die bereit sind, neue Lösungen zu suchen, wenn noch keine da sind. Die Politik hinkt der praktischen Umsetzung in vielen Bereichen gerade hinterher, was kein Wunder ist. Noch werden dadurch Entscheidungsprozesse erschwert und verlangsamt. Aus Gesprächen mit der IHK Geschäftsleitung/Frankfurt weiß ich aber, dass die Problematik bekannt ist und dass an vielen Stellen in unserem Land mit Vehemenz daran gearbeitet wird, die erforderlichen Vernetzungen von Ämtern und Behörden herzustellen und die Wege einfacher zu gestalten. Deutschland ist in diesem Punkt viel weiter, als sich viele Bürger vorstellen können und insbesondere auch wollen.

Last but not least, konnten wir die amtlichen Hürden nehmen und sind froh und vielleicht auch ein bisschen stolz, einen Flüchtling zu beschäftigen. Mitnichten geht es dabei um einen Orden, den wir uns vielleicht verdienen wollten, sondern einfach darum, einen Beitrag im Rahmen unserer Möglichkeiten zu leisten, Integration nach einem nur zu menschlichen Grundsatz zu leben: Hilfe zu geben, wo sie gebraucht wird. Und wir haben weitere Menschen in unserem Umfeld gefunden, die auf anderen Gebieten mindestens genauso engagiert sind. Nämlich jene, die in ihrer Freizeit Deutsch lehren, weil es zu den Grundvoraussetzungen für ein Leben in Deutschland gehört. Ein Team von Studenten und ehemaligen Lehrern (Menschen 50Plus) hat sich gefunden und jetzt wird 4 x pro Woche abends – nach der Arbeit – für 1 ½ Stunden gepaukt.

Auch zur Verbesserung der Wohnsituation konnten wir beitragen, weil wir Vermieter gefunden haben, die unserem Mitarbeiter ein kleines, aber eigenes Wohnen ermöglichen. Sie haben alle Vorurteile über Bord geworfen und haben sich für ihn als Mieter entschieden.

Selbstverständlich ist das alles nicht.

Aber man stelle sich vor, in den Gemeinschaftsunterkünften leben i.d.R. 3 Menschen auf rd. 10 qm. Davon hat jeder seinen ganz eigenen Lebensrhythmus, auch unterschiedliche Vorstellungen von Sauberkeit, Arbeit und Freizeit – ganz zu schweigen von Schlafgewohnheiten – also Mehrbettzimmer im Krankenhaus ohne Krankheit und Reinigungsservice. Der Vergleich macht es bildlich und verdeutlicht, dass auch die andere Seite gibt und bereit ist, Lebensbedingungen auf sich zu nehmen, die sich viele von uns nicht vorstellen könnten.

Nun ist der Aufenthalt unseres Mitarbeiters leider noch im Genehmigungsverfahren. Die mündliche Verhandlung erwartet uns im November. Von den Aussichten, ein Bleiberecht zu bekommen, mag ich gar nicht sprechen, aber an alle Entscheider in unserem Land den Apell richten: Lasst doch die Menschen, die in unserem Land einfach nur ganz normal leben und arbeiten möchten, unsere Werte leben und unsere Demokratie achten und respektieren, bleiben. Und zwar unabhängig davon, wie wir die Sicherheit in deren Herkunftsland einschätzen. Eine Urteilsfindung braucht m.E. unbedingt auch die ganz menschlichen Aspekte und das Urteil sollte am Ende doch auch ethisch und moralisch vertretbar sein. Schließlich geht es um Menschen.

Bei uns ganz persönlich geht es um einen Menschen, der uns ans Herz gewachsen ist und sehr fleißig jeden Tag seine Arbeit tut. Er ist ein Vorbild für Integrität und Identifikation mit uns, unseren Werten und unserem Unternehmen.

Überdies liegt mir am Herzen, allen potentiellen Arbeitgebern – viele davon gehören unserer Generation 50Plus an – Mut zu machen und zu sagen, dass es schwierig sein mag, aber möglich ist, Flüchtlinge in sinnvolle und solide Arbeit zu bringen. Es lohnt sich, auf Perspektiven und vielleicht ungeahnte Qualitäten und Qualifikationen zu setzen, auch wenn nicht für alles der so gern gesehene schriftliche Nachweis vorhanden ist. Chancen können doch nur genutzt werden, wenn Menschen da sind, die sie zu geben bereit sind.

Liebe Menschen 50Plus bringt eure Erfahrung ein und helft mit, dass wir die Integration schaffen.

Wer mag, kann dazu noch einen Artikel lesen, der am 08.04.2017 von einer jungen, engagierten Redakteurin (Janine Drusche) im Rhein-Main Extra Tipp erschienen ist: Frankfurter Ehepaar gibt Flüchtling Perspektive – Nach Flucht aus Afghanistan: Fawad darf wieder arbeiten!

Die Autorin Renate Zott

Renate Zott wohnt in Frankfurt am Main und ist aktive Kämpferin für ein positives Altersbild. Renate Zott, erst Versicherungs-Maklerin und jetzt Managerin einer Haustechnik-Firma, ist verheiratet und Mutter eines erwachsenen Sohnes.

Renate Zott ist Botschafterin des Bundesverband Initiative 50Plus und Kreis-Geschäftsführerin des BVI50Plus in Frankfurt am Main.

Sie betreibt den Blog www.topagemodel.de. Renate Zott ist auch bei Facebook und Instagram.

Sehen Sie Renate Zott im 50PlusFernsehen:

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