Buch-Tipp 50Plus: „Der kalte Himmel“

Was passiert mit einer Familie, in der ein Kind anders ist als andere und keiner weiß, was diesem Kind fehlt? Was bedeutet es für eine Ehe, wenn sich plötzlich die gesamte soziale Umgebung gegen dieses Kind stellt? Was erzählt uns dieses Anderssein über unsere soziale Gemeinschaft, über die gesellschaftspolitischen Umstände ihrer Zeit?

Dem Roman „Der kalte Himmel“ von Andrea Stoll, der die Geschichte des autistischen Jungen Felix in den sechziger Jahren erzählt, gelingt es in atmosphärisch dichten Bildern und sprachlicher Genauigkeit das Andere dieses Kindes zu erfassen. Dabei wird der scheinbar vergebliche Kampf der Hopfenbäuerin Marie um ihren Sohn zwischen ländlichen Traditionen und einer revoltierenden Jugend in Berlin wie durch ein Brennglas sichtbar, die unterschiedlichen gesellschaftlichen Vorstellungen prallen mit besonderer Wucht aufeinander und legen Hoffnungen und Zerrbilder dieses Jahrzehnts offen.

Über sieben Millionen Zuschauer haben Anfang des Jahres 2011 den Film zu diesem packenden Drama in dem ARD- Zweiteiler „Der kalte Himmel“ verfolgt, der Kritik und Zuschauer gleichermaßen begeisterte. 

Die kraftvolle Authentizität dieser Geschichte macht auch den Roman zu einem besonderen Lektüreerlebnis. Hatte Andrea Stoll bei ihren ersten Recherchen noch geglaubt, eine historische Geschichte zu erzählen, so musste sie bald feststellen, dass das Drama um ein autistisches Kind unverändert aktuell ist.

Unzählige Gespräche mit Kinderpsychiatern, Elternverbänden und betroffenen Familien haben ihr gezeigt, dass alles, was diesem Jungen 1967 in der bayerischen Provinz widerfährt, auch heute noch passiert. Vor allem in ländlichen Regionen durchlaufen viele Eltern eine Odyssee an Arztbesuchen, zerbrechen Familien an der Belastung, dauert es oft Jahre oder Jahrzehnte bis autistische Krankheitssymptome richtig erkannt werden und der Betroffene weiß, was ihm fehlt. Bis heute ist das Asberger-Syndrom vor allem bei Kindern schwer zu erkennen.

Nie erfahren wir mehr über den Zustand einer Gesellschaft als wenn wir über Menschen erzählen, die anders sind. Andrea Stolls Roman ist ein leidenschaftliches Plädoyer für Außenseiter, ein Appell, auch jenen, die anders sind, ihre Würde zu belassen.…

Lesen Sie sich hier schon einmal in das Buch ein. 

Die Autorin Dr. phil. Andrea Stoll studierte Germanistik, Philosophie und Publizistik in Mainz und Wien. Seit 1992 ist sie als freie Autorin und Herausgeberin für Verlage, Filmproduktionen und Fernsehsender tätig. Sie hat zahlreiche Aufsätze und Bücher zu Literatur und Film veröffentlicht. Von 1992 bis 2007 lehrte sie als Dozentin für Literatur und Drehbuchentwicklung an der Universität Salzburg. Die gesellschaftspolitischen Themen ihrer Filme begeistern gleichermaßen die Kritik wie ein Millionenpublikum, ihre biographischen Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt.

  • Verlag: Goldmann
  • Seiten: 272
  • ISBN: 978-3-442-31282-5
  • Preis: 18,99 Euro

Der lesenswerte und bewegende Roman ist in jeder guten Buchhandlung erhältlich.

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