Neulich in Berlin: Blühende Landschaften – trotz allem. – Ein Kommentar von Uwe-Matthias Müller in BZ-Nachrichten

Vor 10.237 Tagen, am 1. Juli 1990, wurde in den fünf neuen Bundesländern die Währung der Bundesrepublik Deutschland, die D-Mark, eingeführt. Ich war am 30 Juni und am Morgen des 1. Juli 1990 auf dem Alexander-Platz in Berlin, wo tausende fröhlicher DDR-Bürger ihr Geld in Empfang nahmen und sich mit ihrem eigenem Geld eigene Wünsche erfüllen konnten. Es war nicht mehr ein Geschenk des Staates, die 100 D-Mark „Begrüßungsgeld“, es war nicht mehr Schwarzgeld, es war ihr eigenes Geld – Mark der DDR, umgetauscht im Rahmen der Währungs-Union in einem klar definierten Verhältnis in D-Mark.

DDR-Grenzkontroll-Stelle: trister Ort der Einschüchterung von Transitreisenden

Zum 1. Juli 1990 wurden Löhne, Renten und Mieten im Verhältnis 1:1 umgestellt. Für Forderungen und Verbindlichkeiten galt ein grundsätzlicher Tauschkurs von 2:1. In – nach dem Lebensalter gestaffelten – Grenzen von 2000 bis 6000 Mark konnten Guthaben 1:1 getauscht werden. Und dies, obwohl allgemein die Auffassung herrschte, dass die Mark der DDR durch diese Kurse zu hoch angesetzt war. Der Umtauschkurs war politisch gewollt. Die Bürger in der damaligen DDR und in den zukünftigen Neuen Ländern sollten das Gefühl bekommen, gleichwertige Arbeit zu leisten.

Die Euphorie des Abends und des Vormittags werde ich nicht vergessen. Es war der vorletzte Höhepunkt einer schönen Welle, die ich als Berliner seit dem 10. November 1989 mitgefühlt hatte. Am 9. November 1989 wurde ich in Hannover überrascht von der Mitteilung, dass die Berliner Mauer – der „antifaschistische Schutzwall“ – Löcher bekommen hatte und Ostberliner nach Westberlin gehen konnten und auch erste Westberliner ohne Grenzkontrolle nach Ostberlin gingen. Am 10. November 1989 nachmittags war ich dann selbst in meiner Heimatstadt und konnte das unglaubliche Gedränge von Trabbi-Autos auf der Berliner Stadtautobahn und von DDR-Bürgern und Ostberlinern auf dem Berliner Kurfürstendamm miterleben. Am 11 November – einem Samstag – war ich morgens Zeuge, wie der damalige Bundespräsident von Weizsäcker am Potsdamer Platz durch eine Maueröffnung ging und auf der Ostberliner Seite von Wachhabenden der Grenzschutz-Truppen formell und ehrerbietig begrüßt wurde. Die Menge, die mit von Weizsäcker und mir auf dem Potsdamer Platz – einer faden Einöde damals – stand, drängte ebenfalls nach Ostberlin und ich schloss mich an, bis mir einfiel, dass ich keine Papiere bei mir hatte und ich mich fragte, ob ich jemals wieder nach Westberlin zurückkommen könnte…

Das war damals die Situation. Mauer, Stacheldraht, Todesstreifen, Mienen, Grenztruppen, Maschinenpistolen und scharfe Schäferhunde – das war das traurige und einschüchternde Bild, das sich den Berlinern seit dem Bau der Mauer am 13. August 1961 bis zum November 1989 bot. Gedacht sei hier auch der wahrscheinlich mehr als 200 Menschen, die an der Berliner Mauer durch den Schieß-Befehl, den Erich Honecker 1961 ausgegeben hatte, ermordet wurden.

Der Bundeskanzler war 1989 Helmut Kohl und er versprach im Zuge des Einigungsprozesses der DDR – der neuen Bundesländer – mit der Bundesrepublik Deutschland dafür zu sorgen, dass „blühende Landschaften“ in den neuen Bundesländern entstünden. Er ist dafür verspottet und angegriffen worden, weil unmittelbar nach der Wende die Sanierung der DDR-Wirtschaft begann und einherging mit vielen Fehlern aber vor allem einer gigantischen Arbeitslosigkeit und der Existenzangst vieler hunderttausender Bürger der früheren DDR.

Weimar – Sinnbild der „blühenden Landschaften“

Wenn man heute, 28 Jahre nach der Währungsunion, durch die frühere DDR fährt, sieht man einerseits Dörfer und Landstriche, die öde vor sich hin existieren, einsam und verlassen. Weil sie von Bürgern und dann den Unternehmen und Dienstleistern verlassen wurden. Die sind weggezogen und suchten in der Ferne, vornehmlich im Süden Deutschlands, ihr neues Glück. Zurückgeblieben sind die Alten und die  Armen, die nicht versuchen konnten, in der alten Bundesrepublik ihr Heil zu finden. Und dann gibt es weite Landstriche und Städte, die es durchaus mit den begehrtesten Metropolen aufnehmen können. Genannt seien hier meine Favoriten Leipzig, Dresden, natürlich die Stadt Berlin, Potsdam aber auch Weimar. Und wer in den letzten Monaten die Schnellfahrstrecke der Deutschen Bahn von München nach Berlin genutzt hat – eine Strecke, für die der damalige Ministerpräsident Thüringens Bernhard Vogel jahrelang hart gekämpft hat, ebenso wie für den ICE-Haltepunkt Erfurt – der sieht, welchen Aufschwung die Landeshauptstadt Thüringens durch die Infrastruktur-Maßnahme eines ICE-Drehkreuzes genommen hat. Der Erfurter Hauptbahnhof ist in Nord-Süd- und Ost-West-Richtung ein Drehkreuz geworden. Vom Hauptbahnhof Erfurt fährt man 15 Minuten bis zum Hauptbahnhof Weimar und diese Stadt ist Sinnbild für mich – des neuen Ostens, unserer schönen Heimat inmitten Europas. Weimar ist eine kleine Stadt voller Kultur, voller restaurierter schöner Fassaden, gesegnet mit gepflegten Grünanlagen und mit einer Vielzahl von Sehenswürdigkeiten und Museen. Weimar ist eine Perle deutscher Städte und sicherlich schönes Beispiel dessen, was Helmut Kohl meinte, als er uns versprach, für blühende Landschaften zu sorgen.

Ich trete dafür ein, nicht nur die vielen Fehler und unbestreitbaren Versäumnisse, die vielen handwerklichen und strategischen Fehler zu monieren, sondern auch die mitunter zwar teuer erkauften aber dennoch umso wertvollen Wegweiser und für die Menschen Glück und Sinn stiftenden Leuchttürme der Entwicklung in den neuen Bundesländern zu betrachten. Bewundern wir die harte Arbeit der Bürger, der Handwerker und – ja – auch der Politiker. Es ist unendlich viel erreicht worden. Und es ist auch gut so, dass viele das Erreichte nun schon als normal betrachten.

Geniessen wir das Schöne und arbeiten wir gemeinsam daran, das noch nicht Perfekte zu vervollkommnen.

DVD-Tipp in BZ-Nachrichten: „Weissensee“ 

Hier noch ein DVD-Tipp zum Thema: die ARD hat die TV-Serie „Weißensee“ veröffentlicht, die anhand der Geschichte der Familie Kupfer die letzten Jahre der DDR und die ersten Wochen und Monate in den neuen Bundesländern beleuchtet. Diese Familie Kupfer ist nicht homogen, zum Teil besteht sie aus leitenden Mitarbeitern der Staats-Sicherheit („Stasi“), zum Teil aus Mitläufern  und Profiteuren des SED-Regimes.

Ich finde die Serie „Weißensee“ überaus lehrreich und im besten Sinn unterhaltsam und wertvoll für jeden, der nicht das Glück hatte, die damalige Umbruch-Zeit und die friedliche und umfassendste Revolution aller Zeiten in Deutschland miterleben zu können.

Ich freue mich, dass wir drei komplette Staffeln der TV-Serie „Weißensee“ verlosen können. Schreiben Sie uns bitte Ihr Erlebnis im Zusammenhang mit der Umstellung der DDR-Mark auf die D-Mark.

Der Autor Uwe-Matthias Müller

Uwe-Matthias Müller ist Gründer und Vorstand des Bundesverband Initiative 50Plus. Bis 1998 hat er mit seiner Frau und den beiden Töchtern in (West-)Berlin gelebt. Heute lebt er in Bayern.

Uwe-Matthias Müller kommt viel und gern nach Berlin. „Als Berliner auf Zeit geniesst man nur die Vorteile der Hauptstadt und kann die vielen Unzulänglichkeiten einfach ignorieren.“

Mit „Neulich in Berlin…“ erzählt UMM Erlebnisse und Eindrücke aus der Stadt, die sich selbst als arm aber sexy beschreibt.

2 Kommentare zu "Neulich in Berlin: Blühende Landschaften – trotz allem. – Ein Kommentar von Uwe-Matthias Müller in BZ-Nachrichten"

  1. Es ist ein wunderbarer Kommentar, dessen was war und wie es heute sein kann, weil viele dazu beigetragen und dafür gearbeitet haben. Gleichzeitig fordert er Gedanken an Grenzen und Mauern heraus und Staatsmänner, die sie bauen wollen. Das gibt mir sehr zu denken.

  2. Jürgen Haßelbring | 10. Juli 2018 um 08:44 | Antworten

    Auch wenn ich keine eigenen emotionalen Gedanken an den Ost-West Tausch habe, da ich selbst aus den alten Bundesländern komme und keine Verwante im Osten hatte, kann ich mich noch einigermaßen an die ersten Informationen erinnern. Es war mitten in der Woche als die Nachrichten auch ohne WhatsApp, Facebook etc. schnell verbreitet wurden. Es überschlugen sich die Meldungen. Die Tage, vor allem Wochenenden darauf, als die Trabikarawane an den Autobahnen auf jeder Brücke und in den Grenznahen Städten willkommen gehießen wurden. Jeder Sonntag war ein verkaufsoffener Sonntag. Die bewussten oder unbewussten Fehler, die auf beiden Seiten gemacht wurden und woran einzelne sich persönlich bereicherten, muss man nicht besonders hervorheben. Man hatte damals gesagt, dass es eine Generation ausdauert, bis ein Gleichgewicht zwischen Ost und West herrscht. Ich denke dies war auch politisch gewollt. Nun habe ich selbst zwei Jahre im tiefsten südlichen Brandenburg gelebt, landschaftlich sehr reizvoll und mit Ortschaften die nicht nur sauber, sondern auch modern rüberkommen. Aber man lebt für sich, unter sich. Ein „Fremder“, wobei es egal ist ob er aus dem Westen oder einer anderen Stadt im Osten kommt, gehört einfach nicht dazu. Heimatfeste, z.B. in Spremberg lassen Tausende Ehemalige zurückkommen, die schnell durch alte Verbindungen mitten drin sind. Hinzugereiste bleiben eher außen vor, womit man manchmal auch ganz offen umgeht. Hier benötigt es mehr Zeit als eine Generation von 40 Jahren, um „wir sind ein Volk“ zu vereinheitlichen. Die ortsansässigen Unternehmen haben verstanden, dass sie Fachkräfte nur bekommen, wenn diese entsprechend bezahlt werden. Im nördlichen Westen gibt es diese Einsicht noch lange nicht. Frei nach dem Saturnspruch „Geiz ist Geil“ und es gibt ja genug die nur darauf warten …
    Vergleicht man die Städte miteinander, ist mir immer wieder aufgefallen, dass diese im Osten viel sauberer und gepflegt sind. Da spuckt man sein Kaugummi nicht auf die Straße oder beschmiert Hauswände mit peinlichen und unleserlichen Hieroklyphen. Es sitzen auch keine Menschen auf den Straßen, pöbeln, schlafen dort oder fühlen sich in Geschäftseingängen zu Hause, sodass der Inhaber morgens erst deren Dreck wegmachen muss, vom Gestank ganz zu schweigen. Andererseits ist der Ausländeranteil eher übersichtlich, obwohl gerade hier die lautesten Parolen geschriehen werden. Der Anteil von Moscheen im Ost-Westgefüge ist gefühlt 1:1000. Auch städtische Einrichtungen sind viel zweckmäßiger, vor allem gepflegter. Ich habe in Hannover oder anderen Städten noch nie ein Trupp gesehen, die im Winter händisch Brücken und Wege vom Eis befreien. Hier sieht man ja kaum Fahrzeuge im Winterdienst. Gleiches gilt auch im Sommer wenn z.B. Parks gehegt und gepflegt werden, wozu sich im Westen niemand zuständig fühlt oder kein Geld da ist. Sicherlich sind die Mieten oder auch Eigentum in den Ballungszentren auch gestiegen, nur eben nicht so stark wie in Hamburg, Düsseldorf oder München. Es mag heute immer noch viele geben die eher wenig verdienen, wenn dies auch oft am Menschen selbst liegt. Solange für unwichtiges noch genug übrig ist, gehts auch denen nicht schlecht. Andererseits gibt es dort viele denen es wesentlich Besser geht. In der 100.000 EW Stadt Cottbus fehlt es wohl an keiner der gängigen Automarken samt Luxusabteilung. Hier leben die Sorben, die nicht nur ihre Schulen zu Prachtbauten hergerichtet haben, man steht auch Untereinander steht zueinander und weiß wie und wo man sich Fördermittel beschafft.
    Nach und nach werden immer mehr Investoren darauf kommen, dass der Osten auch zu Deutschland gehört. Die teuren Metropolen mögen ein Aushängeschild sein, aber was nützt das, wenn Grund und Boden zu teuer ist und Arbeitskräfte nicht mehr verfügbar sind, egal was man ihnen bezahlt.
    Die Erinnerungen an die guten alten Zeiten sind für Historiker, die entscheiden was alt ist. Wirklich gut, ist die neue Zeit – die Gegenwart. An uns liegt es, wie wir die Zukunft gestalten wollen. Leider ist nach 89 keiner mehr auf die Straße gegangen um für etwas wichtiges zu kämpfen. Wir sind satt und träge geworden. In der modernen Zeit akzeptiert man Überwachung und macht sich selbst in den sozialen Medien völlig durchsichtig. Politische Errungenschaften werden durch nicht kommunizierte Beschlüsse in Brüssel ausgehebelt, was als Freihandelsabkommen (JEFTA) verkauft wird. Für die Spätfolgen ist dann niemand mehr verantwortlich. Verbleiben wir noch eine Weile in Erinnerungen an schöne Zeiten, aber Bitte lasst uns die schöne Gegenwart dabei nicht vergessen in der wir gemeinsam für eine ebenso schöne Zukunft sorgen.

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