Neulich in Berlin: Herr Spahn, geht’s noch? – Ein Kommentar von Uwe-Matthias Müller

Seit Tagen rauscht in Deutschland eine Debatte über die Entscheidung der Essener Tafel, vorerst keine Ausländer mehr neu aufzunehmen, durch den Blätterwald. Diese Debatte befeuert eine Diskussion über die wachsende (Kinder- und Alters-)Armut in Deutschland. Das ist gut so, denn bislang wurde das Thema Armut in unserer Gesellschaft nicht nur vielfach von den Betroffenen selbst aus Scham, sondern auch von den nicht betroffenen Bürgern aus Scham, Unwissen und Gleichgültigkeit zur Seite geschoben. Dabei warnte die damalige Familien-Ministern von der Leyen schon 2008 vor einer wachsenden Armut in Deutschland.

Nun hat sich auch der designierte Bundes-Gesundheitsminister Jens Spahn zu Wort gemeldet. Muss er auch, denn er gilt als Merkel-Kritiker und Hoffnungsträger der Konservativen in der CDU und so muss er im Gespräch bleiben. Wörtlich sagte er in einem Interview den Zeitungen der Funke-Medien-Gruppe: „Niemand müsste in Deutschland hungern, wenn es die Tafeln nicht gäbe. Wir haben eines der besten Sozialsysteme der Welt. Hartz IV bedeutet nicht Armut, sondern ist die Antwort unserer Solidargemeinschaft auf Armut.“ so Jens Spahn. (Das gesamte Interview können Sie auf waz.de nachlesen.) Es stimmt, auch ohne die Arbeit der über 60.000 (!) Ehrenamtlichen in den 934 (!) Tafeln in Deutschland müsste (wahrscheinlich) niemand in Deutschland verhungern. Ich glaube aber fest daran, dass zwischen dem Hungertod aus Armut und einem würdigen Leben – ob als Kind oder im Alter – eine Lücke klafft, die es unserer reichen Gesellschaft, die seit Jahren einen ungeheuren zusätzlichen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, nicht geben dürfte. Die Vermeidung von Hunger ist kein Zeichen dafür, dass die Betroffenen Menschen ein Leben in Würde führen können. Die Tafeln heute sind vergleichbar mit den Suppenküchen der Weltwirtschaftskrise Anfang der 30ger Jahre. Wohin die damaligen sozialen Verwerfungen führten, kann jeder in den Geschichtsbüchern nachlesen. Etwas Vergleichbares braucht kein Mensch.

Wenn es heute, wo die Wirtschaft boomt und die Folgen des demografischen Wandels – weniger Arbeitnehmer / mehr Rentner – noch nicht spürbar sind schon nicht gelingt, die wachsende soziale Kluft zu überbrücken und den Mittelstand zu stabilisieren, wie soll das dann erst möglich sein, wenn die Wirtschaft eines Tages nicht mehr boomt und 4 – 6 Millionen weniger Arbeitnehmer 2 Millionen mehr Rentner ernähren sollen? Antworten auf diese Frage, die für die Stabilität unserer Gesellschaft essentiell werden wird, bleibt der (selbst-)ernannte Hoffnungsträger Jens Spahn ebenso schuldig, wie die anderen Verhandler des #GroKo-Koalitionsvertrages. Kein Wort darüber, wie der Wohlstand unseres Landes auch in 10 oder 15 Jahren gesichert werden soll.

Ein schlechter Start für Herrn Spahn. Wichtiger jedoch: schlechte Aussichten für unser Land!

Der Autor Uwe-Matthias Müller

Uwe-Matthias Müller ist Gründer und Vorstand des Bundesverband Initiative 50Plus. Bis 1998 hat er mit seiner Frau und den beiden Töchtern in (West-)Berlin gelebt. Heute lebt er in Bayern.

Uwe-Matthias Müller kommt viel und gern nach Berlin. „Als Berliner auf Zeit geniesst man nur die Vorteile der Hauptstadt und kann die vielen Unzulänglichkeiten einfach ignorieren.“

Mit „Neulich in Berlin…“ erzählt UMM Erlebnisse und Eindrücke aus der Stadt, die sich selbst als arm aber sexy beschreibt.

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