Neulich in Berlin: Statistiken und der schöne Schein. – Ein Kommentar von Uwe-Matthias Müller in BZ-Nachrichten

Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. An drei Beispielen prüfen wir diese Aussage: Rentenerhöhung, Arbeitslosenzahl, Inflation.

Jogi Löw und seine schlappen Jungs haben es nicht gepackt. Scheitern in der Gruppen-Phase, kein Sommer-Märchen durch die schönste Nebensache der Welt. Dann müssen zur Erzeugung kollektiver guter Laune bei den Bürgern tolle Zahlen her. Und die gibt es. Rentenerhöhung, Zahl der Arbeitslosen, Inflation. Alles super! Schauen wir hinter die Kulissen und werden wir nicht besoffen von den Schalmeien-Klängen der Sieges-Fanfaren.

Inflation

Die Teuerungsrate in Deutschland beträgt aktuell 2,1 %. Das ist nach Aussage von Mario Draghi, dem Präsidenten der Europäischen Zentral-Bank (EZB) ein Traumwert. 2,0 % will er haben, jetzt hat er sie. Um diese Zahl zu erreichen, wurden durch billige Gelder der Notenbank die Investitionen und der Konsum angeheizt. Denn wenn es keine Zinsen gibt, geben die Menschen das Geld lieber aus – für neue Fernseher und Smartphones oder Immobilien. Hier liegt auch die Gefahr. Denn wenn zu wenig gespart wird, vernachlässigen die Bürger die private Altersvorsorge und es droht Altersarmut.

Es sei denn, die neugekaufte Immobilie soll die Altersvorsorge sein. Das kann auch klappen; wenn … ja wenn 1. der Preis nicht zu hoch ist, 2. genug Eigenkapital vorhanden ist und 3. steigende Zinsen die Hypothek nicht so sehr verteuern, dass die Käufer die Bank nicht mehr bezahlen können. Die drohende Immobilien-Blase kann die Träume vom sorglosen Leben im Alter schnell platzen lassen.

Arbeitslosen-Statistik

Im Mai waren nur noch 2.664.014 Menschen arbeitslos – so wenig Menschen wie seit 25 Jahren nicht mehr. Diesen neuen Rekord meldet die Bundesagentur für Arbeit aus Nürnberg.

Auch super. Welche Folgen hat die Zahl – und stimmt sie überhaupt? Nein, sie stimmt nicht. Denn die Statistik erfasst eine Vielzahl von Menschen nicht (mehr). Dazu zählen: 

  1. kranke Arbeitslose
  2. Ein-Euro-Jobber
  3. Teilnehmer an Weiterbildungs-Massnahmen
  4. Erwerbslose, die über 58 Jahre alt sind und Arbeitslosengeld oder Hartz-IV erhalten
  5. Menschen, die über Zeitarbeits-Firmen oder private Vermittler einen Job suchen
  6. Menschen, die vor dem Start ihrer Selbstständigkeit stehen und einen Gründerzuschuss bekommen
  7. Menschen, nicht vermittelbar sind.
  8. Junge Mütter, die nach ihrer Elternzeit ins Berufsleben zurückkehren wollen. Finden sie keinen Job, bekommen sie auch kein Arbeitslosengeld. Stattdessen müssen sie Hartz-IV beantragen.
  9. Arbeiter, die freiwillig aus dem Berufsleben aussteigen, etwa um ihre kranken Eltern zu pflegen, werden nicht vom BA-System erfasst. Sie beziehen in der Regel Pflegehilfe.
  10. Schwer Kranke, die nicht mehr arbeiten können. Sie gelten als dauerarbeitslos und werden aus der BA-Statistik gestrichen.

Die BA selbst geht von 3,6 Millionen „Unterbeschäftigten“ aus.

Obwohl die Arbeitslosigkeit derzeit so niedrig ist wie seit 1991 nicht mehr, erhielten im Mai 2016 laut Bundesagentur für Arbeit insgesamt 6,91 Millionen Menschen Arbeitslosengeld oder Hartz-IV-Leistungen. Das sind nahezu zweieinhalb Mal so viele Menschen wie vor 25 Jahren. Diejenigen, die freiwillig oder unfreiwillig auf Hilfen verzichten, sind dabei nicht einmal eingerechnet.

Die Klagen der Unternehmen, die händeringend Arbeitskräfte suchen und nicht finden, werden lauter. Zum Teil können die Unternehmen schon nicht mehr alle Aufträge bedienen. Trotzdem bekommen Bewerber, wenn sie älter als 50 sind, oft keine Chance, sich zu beweisen.

Rentenerhöhung

Zum 1. Juli wird die Rente erhöht. Um 3,37 Prozent in den neuen Bundesländern bzw. um 3,22 Prozent in den alten Bundesländern.  Das sind nominelle Erhöhungen. Denn wenn man reale Werte haben will, muss man die Inflationsrate von 2,1 % berücksichtigen und von den 3,37 % bzw. 3,22 % abziehen. Brutto. Denn die Rentenerhöhungen müssen versteuert werden und unterliegen den Sozialbeiträgen. Netto und real bleibt dann kaum etwas übrig…

Also alles gut?

Nein! Die Zahlen vermitteln zunächst ein gutes Gefühl. Allerdings muss man hinter die Ziffern gucken um zu wissen, was die Uhr geschlagen hat.

Der Autor Uwe-Matthias Müller

Uwe-Matthias Müller ist Gründer und Vorstand des Bundesverband Initiative 50Plus. Bis 1998 hat er mit seiner Frau und den beiden Töchtern in (West-)Berlin gelebt. Heute lebt er in Bayern.

Uwe-Matthias Müller kommt viel und gern nach Berlin. „Als Berliner auf Zeit geniesst man nur die Vorteile der Hauptstadt und kann die vielen Unzulänglichkeiten einfach ignorieren.“

Mit „Neulich in Berlin…“ erzählt UMM Erlebnisse und Eindrücke aus der Stadt, die sich selbst als arm aber sexy beschreibt.

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