Private Altersvorsorge: Nur wenige Deutsche nutzen die Chancen, die Aktien bieten – Ein Experten-Gespräch

Nur 10 % der Deutschen legt Geld in Aktien an.  90 % der Sparer legen das Geld trotz Null- oder Strafzinsen auf Sparkonten an oder kaufen Anleihen und Immobilien. So gehen die meisten Gewinne aus Kurssteigerungen ebenso wie die Dividenden von Aktien vor allem an ausländische Anleger, die die Chancen des deutschen Aktienmarktes zu schätzen wissen. Warum das so ist und wie man das ändern kann fragten wir in BESTZEIT-PLUS den Experten Charles Neus von Schroder Investment Management in Frankfurt.

Wie erklären Sie sich, dass so viele Deutsche lieber Strafzinsen zahlen, als sich mit der Anlage in Aktien zu beschäftigen?

Dafür gibt es ein ganzes Bündel Gründe, und jeder davon dürfte diese Zurückhaltung gegenüber den Kapitalmärkten ein Stückweit mit erklären. Wir werden von frühester Jugend an zum Sparen erzogen, nicht zum Investieren. Bis heute wird der „Weltspartag“ zelebriert, und noch heute bekommen Kinder von ihren Großeltern feierlich ihr erstes Sparbuch ausgehändigt – aber nur selten ihren ersten Investmentfonds. Dann, gerade, als die Aktie Interesse auf sich zu ziehen begann, platzte Anfang der 2000er Jahre die Technologieblase. Das war ein herber Rückschlag für die Aktienkultur.

Zudem erscheint das Thema Finanzen vielen Menschen kompliziert, viele können kaum zwischen Aktien, Anleihen, Risiken und der Seriosität von Kapitalanlagen differenzieren. Das verunsichert. Doch auch Menschen, die an sich gut informiert sind, parken ihr Geld oft lieber dauerhaft auf Tagesgeldkonten als zu investieren. Das hat viel mit Psychologie zu tun: Die Angst vor kurzfristigen Verlusten wiegt viel schwerer als die Aussicht auf langfristige Gewinne. Diese Liste an Gründen ließe sich beinahe beliebig ausdehnen, aber wichtig dabei ist, mit welchen Produkten wir als Asset Manager unseren Beitrag leisten können, um Sparern den Schritt zum Investieren zu erleichtern. Ich denke da insbesondere an konservative Multi Asset Lösungen.

Ist das mangelnde Interesse an Aktien ein urtypisch-deutsches Phänomen – wie handeln private Anleger zum Beispiel in Großbritannien?

Charles Neus fordert mehr Investorenwissen schon für Schüler und mehr staatliche Förderung für Aktien in der privaten und betrieblichen Altersvorsorge

Die Statistiken verschiedener Organisationen fallen hier sehr unterschiedlich aus. Allen gemein ist aber die Grundtendenz: In Ländern wie Großbritannien oder Schweden ist die Aktionärsquote deutlich höher als bei uns, in Ländern wie Frankreich oder den Niederlanden ist sie geringer. Dass etwa Großbritannien so weit vorne liegt, hat – neben einer höheren Risikotoleranz – im Wesentlichen zwei Ursachen: Erstens haben die Briten seit langer Zeit Erfahrung mit Aktien und im finanziellen Bereich eine hohe Stabilität erlebt, während die Anleger in Deutschland in der Vergangenheit mehrere Währungsreformen erleiden mussten. Zudem baut die Altersvorsorge in Großbritannien lange schon auf der Eigenvorsorge auf und fördert die Aktienanlage mit entsprechenden Modellen.

Was müsste getan werden, um Deutsche stärker für die Anlage in Aktien zu interessieren?

In jedem Fall muss noch viel getan werden. Warum die Deutschen Aktienmuffel sind, wissen wir recht gut – und an diesen Schrauben gilt es zu drehen: Je eher Kinder und Jugendliche an dieses Thema herangeführt werden, desto besser: Wir sollten sie zu Investoren erziehen, nicht zu Sparern. Zudem ist die Politik gefragt, die Bedingungen für die Aktienanlage zu verbessern. Die Rentenpolitik gibt hier ein ganz zentrales Stichwort. Und nicht zuletzt sind gut qualifizierte, empathische Berater eine weitere Voraussetzung, um das Eis zu brechen.

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