Real erlebter Bewerbungswahnsinn. Von Jürgen Haßelbring

15 : 20 Querformat

Auch wenn ich auf Internet-Stellenausschreibungen wie Indeed, Stepstone, usw. schaue (hier tummeln sich ja viele Datenfriedhöfe), versuche ich über Netzwerke an mögliche Entscheider zu kommen. Mein Profile habe ich bei XING, LinkedIn oder anderen Portalen aktiviert, wo sich ja auch diese Zielgruppe tummelt. Ich suche mir Unternehmen aus und recherchiere nach möglichen Entscheidern, die ich anschreibe. Diese schauen zwar auf das Profil (als Premiummitglied kann ich das gut nachzuvollziehen), eine Antwort bleibt aber oft aus.

Anders ist es, wenn man von jemanden eine Empfehlung bekommen hat. Ein “Gruß von … “ schlägt manche Tür auf. So habe ich es selbst gemacht, als ich in früheren Jahren junge Leute von der Straße in manche Berufsausbildung gebracht habe. Es hat mich ja nur ein Telefonat und ein guter Wille gekostet, was mich nebenbei auch immer wieder selbst hochmotiviert hat. Natürlich kann ich das nicht auch von anderen erwarten. Nicht jeder ist gewillt sich für andere, die er nicht einmal persönlich kennt, zum Telefon zu greifen. Bei anderen gibt es zwar ein Lippenbekenntniss etwas tun zu wollen, mit mehr ist aber nicht zu rechnen. Schade, da genau diese möglichen Entscheider tatsächlich eine Tür öffnen könnten. Sie werden sich vielleicht selbst einmal daran erinnern, wenn sie selbst in ähnlicher Situation sind. Der demographische Wandel macht hier auch vor ihnen nicht unbedingt halt. Etwas Glaubhaft wäre eine Rückmeldung, mit der Information mit wem man gesprochen hat und der Wille, dass man sich nochmal melden kann, wenn eine weitere Rückmeldung ausbleibt.

Jürgen Haßelbring – erfahren und motiviert, aber mit 50Plus auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr gefragt

Bewerbungen auf Stellenausschreibungen im Internet, die von der Aufgabenstellung zu 100% passen, bleiben erfolglos. Es entsteht der Eindruck, dass es diese Positionen entweder gar nicht gibt oder diese bereits intern (oder wie auch immer) vergeben wurden. Wenn jemand die geforderte Qualifikationen hat, ist es allemal ein persönliches Gespräch wert – ohne das man auf das Geburtsjahr schauen muss. Wie oft hörte ich HRler sagen, dass es keine geeigneten Bewerber gibt. Wahrscheinlich teilen diese das auch ihren Vorgesetzten mit. Was sie nicht sagen ist, dass sie sich nicht die Mühe machen (können) qualifiziert die Bewerbungen auszufiltern. Aber das würde natürlich jeder Betroffene abstreiten.

Bei 40% der Unternehmen bekommt man vielleicht eine Eingangsbestätigung. Mit einer Absage muss man aber nicht rechnen. Andere schreiben Standardabsagen – zum Teil gezeichnet von Auszubildenden, was mich als ausgewiesene Führungs-Kraft dann besonders motiviert – wobei sehr leicht der Eindruck entsteht, dass ein jüngerer Bewerber eher gewünscht ist. Zumal der ja auch billiger ist.

Bei einer Bewerbung bei Melitta in Minden teilte mir die Personalverantwortliche mit, dass man aus einer Seniorstelle eine Juniorstelle gemacht hätte, da das Gehaltsgefüge nicht in den Rahmen passte. Wahrscheinlich gehen diese Verantwortungsbewussten Entscheider selbst davon aus, niemals eine Rente zu erreichen oder reich zu heiraten.

Auch die Qualität der Stellenausschreibung einiger Unternehmenhinterlässt hinterlässt viele Fragezeichen. So schreiben Unternehmen Positionen aus, ohne das eine Unternehmensadresse angegeben wird oder gar ein Ansprechpartner, um evtl. Fragen dazu vorab zu stellen. Hier entsteht sehr schnell der Eindruck eine Datenleiche zu werden. Meist sind das aber Unternehmen, die am lautesten nach Fachkräften schreien. Als Bewerber aber hat man hier kein gutes Gefühl.

Unternehmen, die sich nicht auf den zukünftigen Arbeitsmarkt einstellen wollen, kann man nur alles Gute wünschen. Es wird sie in dieser Form nicht mehr lange geben. Auch der heutige Bewerber sucht sich ein Unternehmen aus, das zu ihm passt und ihm ein wertschätzendes Gefühl gibt. Leider wird er heute aber noch anders behandelt. Welches Gefühl soll in einem Bewerber aufkommen, wenn ihm für sein Vorstellungsgespräch Kosten entstehen und ihm sein potenzieller Arbeitgeber diese nicht selbstverständlich rückerstattet. Die Unternehmen haben hierfür ein Budget, der Bewerber in der Regel nicht. Liebherr in Rostock schreibt gleich in ihre Einladung, dass solche Kosten nicht erstattet werden. Das Vorstellungsgespräch wird dann auch noch auf 9 Uhr gelegt, sodass dem Bewerber neben vielen Kilometern auch noch zusätzliche Übernachtungskosten entstehen. Kein gutes Gefühl in einem von sich behauptenden Unternehmen, innovativ zu sein.

Sehr voreilig fragt man gerne nach Gehaltswünschen der Bewerber. Oft ohne das man über Inhalte oder Verantwortung gesprochen hat. In manchen Internet-Bewerbungsportalen kommt man über diesen Punkt nicht hinweg und schießt sich automatisch ab, wenn das Eingetragene zu hoch erscheint. Wer billig will, darf sich nicht wundern, auch billig zu bekommen. Bei einem Gehalt von 5.000 Euro, was sich erstmal nicht schlecht anhört, bleiben nach Abzug der Steuern und
Sozialversicherungsbeiträge rund 2.500 Euro übrig. Der geschiedene unterhaltspflichtige Alleinverdiener, lebt dann sogar von weniger als 2.000 Euro (je nach Anzahl der Kinder). Nachdem er seine Miete bezahlt hat, misst er sich mit jedem Sozialhilfeempfänger. Welche Motivation wird von diesen „Machern“ überhaupt noch erwartet?

Mein persönliches Gehalt hat sich bisher für alle Unternehmen in denen ich tätig war, schnell amortisiert. Ich konnte immer auf Dauer Qualitäts- oder Einsparpotentiale erzielen, die weit über meinem Gehalt lagen. Aber das nur nebenbei.

Gutes Personal erhält man nicht nach der “Geiz ist Geil – Methode“, sondern eher, wenn man dem Bewerber realistisch eine Bandbreite nennt, an der er sich orientieren kann. Schließlich werden Stellen auch budgetiert.

Die Eierlegendewollmilchsau wird zwar gern gesucht, nur eben selten gefunden. Ein Bewerber kann vieles mitbringen, nur eben nicht alles. In meiner beruflichen Zeit habe ich mich immer auf Dinge konzentriert, die dem Unternehmen und auch mir nützlich waren. Leider habe ich dabei vergessen, mir auch noch ein perfektes Englisch anzueignen. In fast 40 Berufsjahren habe ich es praktisch nicht benötigt. Die Globalisierung macht es aber unumgänglich sich auch in Besprechungen in Englisch zu unterhalten. Persönlich lerne ja immer wieder gern hinzu, nur muss man einem auch die Gelegenheit geben, sich darin einzuarbeiten. Was war falsch daran, als man
in den Unternehmen noch deutsch gesprochen hat?

Mein bücherfüllendes Material über die beschäftigungslose Zeit, über Gespräche beim Arbeitsamt und deren nutzlose Maßnahmen, hochpreisige Outplacements ohne Erfolgsgarantien, Vorstellungsgespräche in selbstverherrlichenden Unternehmen, oder auch Gespräche mit Volksvertretern oder Recrutern auf Messen und Jobbörsen könnte vielleicht ein Strassenfeger werden, wenn man jemanden fände, dies fernsehtauglich darzustellen.

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