Rente in Deutschland: was muss sich ändern? – Ein Exklusiv-Interview mit Dr. Rudolf Zwiener in BESTZEIT-PLUS

„Die Rente ist sicher!“ postulierte Norbert Blüm, der Bundesminister der Regierung Kohl, der 16 Jahre die Verantwortung für Arbeit und Soziales trug. Stimmt eigentlich, nur in welcher Höhe ist die Frage. Wie sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die finanzielle Sicherung des Lebensstandards im Alter? Und bahnt sich ein brisanter Generationen-Konflikt rund um das Thema Rente an? BESTZEIT-PLUS klärt diese Fragen in einem Exklusiv-Interview mit Dr. Rudolf Zwiener von der Hans-Böckler-Stiftung. Die Fragen stellte Peter Lewandowski.

Herr Dr. Zwiener, Sie sind Volkswirt und arbeiten bei der Hans-Böckler-Stiftung im Referat „Politische Beratung und Modellsimulation“. Ist die Politik hinsichtlich des demografischen Wandels beratungsresistent?

Vielleicht ist der Begriff „beratungsresistent“ nicht ganz zutreffend. Ich will es mal anders sagen: Der demografische Wandel und die Fragen, die damit zusammenhängen, spielen häufig in der Politik nicht so eine Rolle, weil die Politiker viel näher an dem sind, was jeweils aktuell zu entscheiden ist. Vor allem, was maximal ihre Legislaturperiode angeht. Das sind ja nur vier Jahre und von daher tun die Politiker sich systematisch schwer, sich mit Fragen zu beschäftigen, die vielleicht erst in 30 Jahren richtig zum Tragen kommen. Das ist sehr schade und dass ist auch nicht richtig.

Im Kontext mit dem demografischen Wandel und der Rente vermisse ich eine Auseinandersetzung in dem Sinne, dass man nicht nur darauf schaut, wie sich voraussichtlich die Zahl der Älteren im Verhältnis zu den Jüngeren verändert. In Deutschland werden wir unter Status-quo–Annahmen eine   deutliche Verschlechterung der Bevölkerungs-Situation haben. Gleichzeitig haben wir aber auch schon oft gesehen, dass viele Prognosen in der Vergangenheit falsch waren, weil viel passiert, was eben nicht zuverlässig prognostiziert werden kann. Zuwanderung nach der Wende aus Russland, während und nach dem Balkankrieg, Migranten aus Südost-Europa und und und.

Wir hatten enorm hohe Zuwanderungsraten schon vor der aktuellen Flüchtlingswelle. Der demografische Wandel wird nicht so dramatisch wie prognostiziert.

Ist die umlagenfinanzierte Rente noch zeitgemäß?

Am Ende kommt es bei der Rente nicht darauf an, wie viele Alte leben bei uns, sondern wie viele Menschen von sogenannten Transferzahlungen abhängig sind. Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger, Aufstocker – und diese Transfers müssen durch die jeweilige erwerbstätige Generation aufgebracht werden. Das betrifft die Rente in starkem Maße. Und den richtigen Quotienten kann die Politik beeinflussen und zwar viel besser als man denkt. Wenn man zum Beispiel bedenkt, Frauen stärker und länger arbeiten zu lassen und adäquat zu bezahlen. Die Erwerbsquote der Frauen kann die Politik erhöhen durch ein attraktives Angebot der Betreuung der Kinder und die Entlastung der Familien. Das kann man politisch beeinflußen. Wenn es gelingt die Basis zu verbreitern, um die Last des Alterns der Gesellschaft besser zu tragen, ist schon viel erreicht.

Es geht auch darum, daß die 400 Euro-Jobs nicht weiter subventioniert, sondern die Stundenkontingente weiter erhöht werden. Es ist wichtig, dass richtige sozialversicherungspflichtige Beschäftigung entsteht, denn daraus hat der Staat erst das Geld, um dann die notwendigen Transfers zu tragen.

Es wurde früher vieles falsch gemacht, man hat zu leichtfertig zu viele 400-Euro-Jobs geschaffen, das hat es den Unternehmen leicht gemacht, die Kosten des Human-Kapitals zu senken. Wenn man diese Fehlentwicklung zurückdrängt und diese geringbezahlten Jobs wieder in reguläre Arbeitsverhältnisse zurückführt, erweitert man die Basis, mit der man dann die Alterslast viel besser tragen und steigende Altersarmut vermeiden kann.

Jeder Arbeitslose oder Sozialhilfeempfänger, der in vernünftig bezahlte Beschäftigung kommt, verbessert auch die Basis der Rentenberechnung. Das heißt, wir müssen in der Folge einer quantitativ und qualitativ besseren Beschäftigung an weniger Menschen Transfers zahlen. Und das ist der Punkt, an dem die Politik ansetzen kann. Und wo die Politik auch etwas erreichen kann. Wenn da was in die Gänge käme, dann bin ich gar nicht mal so pessimistisch.

Bei Älteren ist der Beschäftigungsgrad besser geworden, aber immerhin 25 Prozent der Unternehmen in Deutschland haben keine Beschäftigten 50plus.

Eine Schieflage kam mit Sicherheit durch das Vorruhestandsgesetz, das es den Unternehmen ermöglichte, sich ganz billig von Älteren zu trennen. Von Menschen über 55. Das führt noch auf die Regierung Kohl zurück, die ein Quotengesetz erlassen hatte, um der Forderung der IG Metall nach niedriger Wochenarbeitszeit entgegenzuwirken. Es wurden damals Unternehmen günstige Möglichkeiten geboten, sich von Älteren zu trennen. Die Politik hat das damals noch stark befördert. Das war ökonomisch total schlecht. Aber das ist nun schon länger her.

Deutschland ist durch die letzte Wirtschafts-Krise arbeitsmarkttechnisch gut durchgekommen, weil wir nicht nur die Instrumente hatten wie Kurzarbeitergeld und Arbeitszeitkonten, die Unternehmen benutzt haben, um durch die Krise zu kommen ohne Leute wirklich entlassen zu müssen. Wir haben dabei auch festgestellt, dass die Unternehmen vorsichtiger geworden sind. Die Arbeitgeber wussten genau, wir haben einen demografischen Wandel und wenn sie jetzt Leute entlassen, müssen sie vielleicht zwei, drei Jahre später schon wieder Arbeitskräfte aufwändig suchen. Von daher scheint es so zu sein, dass die Unternehmen vorsichtiger geworden sind, die Akzeptanz gegenüber Älteren – aber auch Frauen – zugenommen hat. Das ist noch immer nicht ausreichend, aber es ist, wie gesagt, besser geworden. Ich würde sagen, die Mischung macht`s. Die einen haben die Erfahrung, die die anderen noch gar nicht haben können. Da muss noch mehr getan werden und darauf muss die Politik auch achten, dass es hier nicht wie in der Vergangenheit zu einer Schieflage kommt.

Nach 45 Jahren kann man mit 63 schon in Rente gehen.

Zur Rente mit 63 habe ich ein sehr ambivalentes Verhältnis. Man muss in der Tat schauen, wie lange haben die Leute gearbeitet. Es macht schon einen Unterschied, ob einer mit 16 als Lehrling zu arbeiten beginnt, womöglich auch noch in einem Job, der ihn körperlich sehr beansprucht oder als ein Akademiker, der vielleicht erst mit 25 – also neun Jahre später als der Lehrling – anfängt. Und in seinem Leben keine schweren körperlichen Belastung hat. Es gibt ja Studien über die Lebenserwartung in verschiedenen Berufen (siehe dazu Die WELT: „Die Rangliste der 50 gefährlichsten Berufe„). Akademische Berufe, vor allem Professoren, haben mit Abstand die höchste Lebenserwartung. Das heißt, Berufsgruppen mit geringerer Lebenserwartung sollten auch früher in Rente gehen können. Diesen Gesichtspunkt sollte die Politik ernst nehmen.

Deswegen ist meine Forderung, dass man flexibler in den Ruhestand gehen kann. Das heißt auch gleitender denn es ist ja absurd, dass Menschen ein Leben lang 38 oder 40 Stunden die Woche arbeiten und von einem Tag auf den anderen gehen sie rüber in die Rente, ins „Nichtstun“. Wir müssen Modelle fördern, die es Menschen ermöglichen, aufgrund gesundheitlicher Belastungen oder langer Arbeitszeiten schrittweise auf ein niedrigeres Stundenkontingent runter zu gehen bevor sie endgültig in Rente gehen.

Dadurch kann man das Potential Älterer viel besser und länger ausschöpfen. Flexible Übergänge sollten für alle Beschäftigten geschaffen werden.

Wie könnte das Modell der Zukunft aussehen, um einen U-Turn bei der Altersarmut zu erreichen?

Von Altersarmut bedroht sind meistens die Leute, die alleinstehend sind und keine betriebliche Altersvorsorge haben. Leute, mit geringen Einkommen haben auch keine Möglichkeit zu sparen. In Deutschland haben 50 Prozent der Haushalte so gut wie keine Ersparnisse.

An das Thema Altersarmut muss die Politik im Zweifel noch gezielter drangehen.

Wie sieht das Renten-System der Zukunft aus?

Ein gutes Modell bietet unser Nachbarland Österreich. In Österreich erwerben alle Personen, die 15 Jahre gearbeitet haben, einen Anspruch auf eine Mindestrente, die derzeit bei 1000 Euro liegt. Dieses Geld muss nicht allein von den Versicherten aufgebracht werden, sondern der Staat leistet seinen Beitrag mit Steuermitteln. In Österreich sind die Renten doppelt so hoch wie in Deutschland, nach OECD-Berechnungen ist das System besser austariert und es ist zukunftsfester. Alle, aber auch alle, zahlen nach den gleichen Regeln in ein System ein. Da kommt nach gleichen Regeln auch was gleiches raus. Der Arbeitgeber zahlt einen etwas höheren Beitrag als der Arbeitnehmer, es gibt keine Riesterrrente. Die knapp 1000 Eiuro-Mindestrente bettet sich ein in ein System, dass sowieso höhere Leistungen hat. Und der Unterschied zu Deutschland: Man muss 15 Jahre arbeiten, um Ansprüche zu haben, in Deutschland sind es nur fünf Jahre. Das ist für die Leute auch ein Arbeitsziel. Bei den fünf Jahren bei uns hat man keine Motivation länger zu arbeiten.

Ganz ehrlich, die Politik in Deutschland diskutiert ja auch Modelle wie die der Lebensleistung, das halte ich aber eher für eine Farce. Die beinhaltet eine nur minimale Aufstockung, um die Leute nicht in die Sozialhilfe fallen zu lassen

Lese-Empfehlung: „Pensionssystem und politische Mitbestimmung von Jugend und Senioren in Österreich

Dr. Rudolf Zwiener

Dr. rer.pol., Diplom-Volkswirt, geb. 1954 in Freiburg i. Brsg. Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Freiburg (1973 – 1978, Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes). Studium der Ökonometrie und Wirtschaftstheorie an der Universität von Southampton, Großbritannien (1978 – 1979, Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes). Von 1979 bis April 2005 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin. Dort zuständig für die Erstellung von Kurzfristprognosen und Analysen in den Bereichen Geld-, Finanz- und Arbeitsmarktpolitik im Rahmen der empirischen Konjunkturforschung. Promotion an der Universität Oldenburg (1988, ausgezeichnet). Forschungsaufenthalte an der EPA in Tokio und zur Erforschung ökonometrischer Mehr-Länder-Modelle in den USA mit Stipendien der Thyssen Stiftung (1989) und des German Marshall Funds (1991). Lehrbeauftragter im Fach Finanzwissenschaft an der TU-Berlin (1994 – 1996). Regierungsberatung im Bereich Wirtschaftsanalyse und -szenarien in Afrika, Lateinamerika, im Nahen und Fernen Osten und Ländern der ehemaligen Sowjetunion für die gtz und die Europäische Kommission als Kurzzeitexperte; Sachverständiger für den Wirtschafts- und Sozialausschuss der Europäischen Kommission. Politikberatung durch Veröffentlichungen und Studien für Ministerien und vielfältige Institutionen im In- und Ausland. Seit Mai 2005 am IMK.

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