Studie: Sinkende Produktivität trotz Digitalisierung – Forscher empfehlen Investitionen in Bildung, Infrastruktur und weniger Ungleichheit

In den entwickelten Volkswirtschaften wächst die Produktivität langsamer. Der amerikanische Ökonom Robert Gordon erklärt das wesentlich damit, dass es zuletzt kaum noch bahnbrechende Innovationen gegeben habe – der Digitalisierung zum Trotz. Zudem sieht er weitere Faktoren, sogenannte „Gegenwinde“, die Wirtschaftswachstum und Produktivität zusätzlich bremsen. Forscher des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung und der Universität Koblenz-Landau halten Gordons Ansatz für plausibel und untersuchen – auch für Deutschland – diese Gegenwinde. Für die Bundesrepublik relevant seien vor allem Probleme durch demografischen Wandel, soziale Ungleichheit, durch Defizite beim Bildungszugang und der Infrastruktur. Dort solle man ansetzen, um Wachstum und Produktivität zu stärken, empfehlen die Wissenschaftler in einer neuen Studie.

In den westlichen Industrienationen und Japan ist die wirtschaftliche Dynamik seit geraumer Zeit vergleichsweise schwach ausgeprägt. Als mögliche Ursache gelten neben einer zu geringen Nachfrage auch Probleme auf der Angebotsseite. Ein prominenter Erklärungsansatz läuft darauf hinaus, dass der Wachstumspfad flacher verläuft, weil die Produktivität kaum noch Fortschritte macht. Die IMK-Forscher Dr. Alexander Herzog-Stein, Dr. Ulrike Stein sowie Birgit Friedrich und Prof. Dr. Werner Sesselmeier von der Universität Koblenz-Landau haben sich mit dieser These auseinandergesetzt. Ihrer Analyse zufolge fallen die Steigerungsraten bei der Produktivität in Deutschland und den anderen G7-Staaten in der Tat seit mindestens anderthalb Jahrzehnten bescheidener aus. Das dürfte unter anderem an schwindender Innovationskraft liegen.

Europaweit sinkt die Zahl der Arbeitslosen

In den Wirtschaftswunderjahren habe die Arbeitsproduktivität hierzulande noch rasant zugenommen, schreiben die Forscher. Das Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigen ist nach ihren Berechnungen zwischen 1951 und 1959 im Schnitt um 5,7 Prozent pro Jahr gestiegen, im folgenden Jahrzehnt waren es immerhin 4,5 Prozent. Im Anschluss ging es dagegen deutlich langsamer voran. Wenn man den Output je Arbeitsstunde betrachtet, ergibt sich das gleiche Bild: Ab 1970 sind die Zuwachsraten zurückgegangen.

Mit diesem Problem steht Deutschland nicht allein da: Der Auswertung zufolge hat der Produktivitätsfortschritt in allen G7-Ländern mit Ausnahme der USA und Kanadas seit 1970 stetig abgenommen. In den beiden nordamerikanischen Staaten ist das Tempo der Entwicklung – allerdings auf niedrigerem Niveau als in Europa oder Japan – lange Zeit relativ konstant geblieben, in den 1990er-Jahren sogar gestiegen. Nach der Jahrtausendwende ist aber auch hier ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen. In allen sieben Volkswirtschaften lag der durchschnittliche Produktivitätszuwachs in den fünf Jahren zwischen 2010 und 2015, aus denen die derzeit aktuellsten Daten stammen, unter einem Prozent. Dabei war er in Deutschland noch mit am höchsten.

Statistisch lässt sich die Wachstumsrate der Arbeitsproduktivität in zwei Komponenten zerlegen: Zum einen wirken sich Veränderungen beim eingesetzten Kapital pro Arbeitsstunde aus. Zum anderen spielt die sogenannte totale Faktorproduktivität eine Rolle, eine Restgröße, die üblicherweise mit Innovationen und technischem Wandel in Verbindung gebracht wird. Die Autoren der IMK-Studie können zeigen, dass sich in allen G7-Staaten das Wachstum der totalen Faktorproduktivität zuletzt erheblich abgeschwächt hat. Von den Produktivitätssprüngen, die manche Experten aufgrund zunehmender Digitalisierung erwarten, ist also bislang in den Daten nichts zu sehen.

Als Erklärung für ihren Befund verweisen die Autoren auf Analysen des US-Ökonomen Robert Gordon. Demnach ist der wirtschaftliche Innovationsprozess am besten als eine Reihe einzelner Erfindungen zu verstehen, auf die schrittweise Verbesserungen folgen, bis das Potenzial voll ausgeschöpft ist. Die weitestreichenden ökonomischen Auswirkungen habe die sogenannte zweite industrielle Revolution gehabt, also der Siegeszug von Elektrizität und Verbrennungsmotor ab Ende des 19. Jahrhunderts. Damals seien multidimensionale Erfindungen mit extrem vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten der Ausgangspunkt gewesen.

Im Vergleich dazu fällt die Bilanz späterer Entwicklungen nach Gordons Ansicht eher mager aus: Die dritte industrielle Revolution – die Einführung von Computern und Robotern – habe zwar zu erheblichen Fortschritten geführt, berge aber kaum noch zusätzliches Potenzial. Die vierte industrielle Revolution wiederum hält der Wirtschaftswissenschaftler für überschätzt: Phänomene wie die zunehmende Vernetzung, der 3D-Druck oder selbstfahrende Autos hätten vergleichsweise geringe ökonomische Bedeutung, die Entwicklung sei eher evolutionär als revolutionär und zudem eng auf Digitalisierung beschränkt. Das heißt: Dramatische Produktivitätseffekte seien nicht zu erwarten.

Neben ausbleibenden Innovationen macht Gordon auch Fehlentwicklungen in den Bereichen Demografie, Bildung, Ungleichheit, Staatsverschuldung, Globalisierung und Umwelt für die stagnierende Produktivität und das schwächere Wirtschaftswachstum verantwortlich. In Deutschland dürften sich laut Herzog-Stein und seinen Kollegen vor allem die Einkommens- und Chancenungleichheit, die ungünstige demografische Entwicklung sowie die zunehmend marode öffentliche Infrastruktur negativ auswirken. Als Gegenmittel empfehlen sie eine breit angelegte Bildungspolitik, eine Stärkung der Tarifbindung sowie mehr staatliche Umverteilung und Investitionen.

Statement von Dr. Alexander Herzog-Stein im 50PlusFernsehen.de

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