Thaddäus Kunzmann: Entwicklung des ländlichen Raums ist besondere Herausforderung in Baden-Württemberg

Die Regierung von Baden-Württemberg hat am 1. März 2017 einen Demografie-Beauftragten bestellt. BESTZEIT-PLUS sprach mit Thaddäus Kunzmann.

Herr Kunzmann, zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zu Ihrer neuen Aufgabe. Warum wurde gerade jetzt ein Demografie-Beauftragter in Baden-Württemberg berufen?

Der demografische Wandel ist längst bekannt. Bereits im Realschul-Erdkundeunterricht 1979 war er ein Thema. Alleine, wir haben uns bisher nicht ausreichend mit den Herausforderungen beschäftigt. Warum? Weil wir durch Zuwanderung die Folgen abmildern konnten. Baden-Württemberg ist ja das innerdeutsche und internationale Zuwanderungsland Nr. 1. Wir kennen also nicht die Folgen des Wegzugs der jüngeren Generation, wie das im Osten bereits flächendeckend geschieht. Ganz im Gegenteil. Wir sind gewachsen und wachsen auch noch weiter.

Zudem sind gerade die geburtenstarken Jahrgänge voll im Berufsleben integriert. Sie befinden sich zwischenzeitlich auf dem Zenit ihres beruflichen Schaffens. Das bedeutet: Sie zahlen Steuern und Sozialversicherungsbeiträge. Das ändert sich in den nächsten 15 Jahren grundlegend. Das wird für den Finanzminister ebenso eine Herausforderung, wie für die Sozialversicherungen, aber auch für alle Kommunen im Land.

Was sind die Aufgaben eines Demografie-Beauftragten allgemein?

Thaddäus Kunzmann, Demografie-Beauftragter des Landes Baden-Württemberg: „Die Erhaltung der Infrastruktur im ländlichen Raum erlaubt es älteren Bürgern, länger daheim zu wohnen.“

Meine erste Hauptaufgabe ist Lobby-Arbeit für das Thema. Jeder findet es unheimlich wichtig. Aber nur wenige wollen sich konkret damit beschäftigen.

Zudem möchte ich das Thema weniger verkopft, vielmehr konkret verdeutlichen: Welche Auswirkungen hat dies auf den Wohnungsbestand, wenn die Menschen darin älter werden? Auf die Infrastruktur? Was bedeutet das für die Digitalisierung? Wie müssen wir den ländlichen Raum stärken, damit dort die Versorgung, selbst die Grundversorgung nicht wegbricht? Wie bereiten wir uns auf die hohe Zahl von hochbetagten Menschen vor? Viele davon werden dement sein. Welche Bedeutung bekommen gesundheitliche Prävention und geriatrische Rehabilitation?

Im Ergebnis soll dann eine Handlungsanleitung für die Politik stehen. Wir dürfen nicht mehr im Klein-Klein denken und jeder für sich Mini-Programme entwerfen. Vielmehr müssen sich alle Akteure an einen Tisch setzen und sich über die Gesamtstrategie und die Zwischenziele zu einigen. Denn der demografische Wandel hat keine Farbe.

Was sind in Baden-Württemberg die besonderen Herausforderungen des demografischen Wandels?

Natürlich zunächst die flächendeckende Sicherung der Versorgung, insbesondere im ländlichen Raum. Dort werden die Folgen des demografischen Wandels als erstes sichtbar.

Alles drängt momentan in die Städte. Und im Dorf bleiben dann die alten Leute zurück. Ich stelle schon die Siedlungsentwicklung in Frage, die vielen kleineren Kommunen abseits der Entwicklungsachsen keine Perspektive auf Zuzug mehr verspricht. Wenn die Dörfer dann von unten her ausbluten, kann abgewartet werden, bis die Versorgungsstrukturen wegfallen.

Es ist doch absurd, dass inzwischen in den Städten Phantasiepreise für Bauland und Wohnungen bezahlen werden müssen, während 30 Kilometer weiter der Preis für ein leerstehendes Haus mit Gartengrundstück verfällt.
Also: Wir brauchen dringendst die Stärkung des ländlichen Raums.

Was sehen Sie als die Chancen des demografischen Wandels?

Die Digitalisierung. Sie wird derzeit vor allem aus der Sicht der Arbeitswelt diskutiert. Das ist auch richtig. Aber sie kann uns auch bei der Herausforderung des demografischen Wandels helfen. Jedes Haus wird in 20 Jahren eine Kommunikationszentrale sein. Warum nicht dafür nutzen, dass die älteren Menschen länger selbstständig in ihrer Wohnung leben können. Warum nicht online Versorgungsstrukturen aufbauen? Telemedizin, Pflegeroboter, selbstfahrendes Auto – die Palette ist doch unbegrenzt.

Doch dazu brauchen wir gigabytefähige Datenleitungen. Leider legen wir – von Ausnahmen abgesehen – vor allem noch datenbegrenzte Kupferleitungen in die Häuser hinein. 50 mbit/s – das ist heute noch völlig ausreichend. Aber wir müssen hier in die Zukunft planen. Wenn wir Gigabyte in Echtzeit durch die Leitungen jagen wollen, brauchen wir Glasfasernetze. Und zwar in die Häuser hinein. Ansonsten setzen wir uns bei den Chancen der Digitalisierung ganz schnell künstliche Grenzen.

Welche konkreten Projekte werden Sie als Demografie-Beauftragter des Landes anpacken?

Bund, Land und Kommunen sind bereits heute vielfältig aktiv: sei es bei der Förderung des altersgerechten Umbaus von Bestandswohnungen (leider ist der Topf bereits zur Jahresmitte ausgeschöpft), das Landärzteprogramm, dem Entwicklungsprogramm Ländlicher Raum (ELR), der Förderung des Breitbandausbaus oder dem Städtebauprogramm Soziale Stadt. Diese und andere Programm zeigen, dass die verschiedenen staatlichen Ebenen den demografischen Wandel realisiert haben.

Insgesamt würde ich mir mehr Bündelung der verschiedensten Förderprogramme und Initiativen wünschen.

Die Landesregierung hat aktuell den Wettbewerb „Quartier 2020“ ausgelobt. Es ist ein Ideenwettbewerb, bei dem Konzepte entwickelt werden, wie in unterschiedlichster Form die soziale und versorgerische Betreuung der Menschen in den Siedlungen, die vor 40 oder 50 Jahren entstanden sind, gesichert werden kann. Dafür ist das bürgerschaftliche Engagement unerlässlich.

Wann geht es los?

Der Wettbewerb „Quartier 2020“ läuft bis zum 28. Juli. Die Juryentscheidung steht im Oktober an.

Welchen persönlichen Bezug haben Sie zum demografischen Wandel?

Jeder von uns hat einen Bezug zum demografischen Wandel. Immerhin werden auch wir älter. Meine Mutter ist jetzt 94 Jahre alt. Sie ist noch rüstig. Aber alleine kommt sie nicht mehr zurecht. Statistisch wird jeder 6. meines Jahrgangs mindestens so alt werden wie meine Mutter heute ist. Wir von den geburtenstarken Jahrgängen sind nicht nur besonders viele. Wir leben auch besonders lange. Und darauf müssen wir uns heute vorbereiten.
Wenn Sie so wollen, betrifft mich als Jahrgang 1964 der demografische Wandel in voller Wucht.

Als Mitglied des Landtags habe ich führend in der Enquetekommission Pflege mitgewirkt und war dort Sprecher der CDU. Die Enquetekommission hat sich, über das eigentliche Thema Pflege hinaus, sehr stark auch mit der Rolle der Kommunen bei der Quartierentwicklung beschäftigt. Zudem bin ich seit 1994 in meiner Heimatstadt Nürtingen Stadtrat, seit 3 Jahre Kreisrat, Aufsichtsrat einer Baugenossenschaft und Vorsitzender des Malteser Hilfsdienstes in Nürtingen.

Man kann also davon sprechen, dass ich über die rein berufliche Tätigkeit hinaus vielfältig mit den Herausforderungen des demografischen Wandels befasst bin.

Mehr Informationen zum Demografie-Beauftragten in Baden-Württemberg finden Sie unter www.demografiebeauftragter-bw.de.

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