Tischlein deck dich! – oder ist es doch nicht so einfach? – Ein Kommentar von Sascha Rauschenberger

Das Märchen von „Tischlein deck Dich!“ ist alt. Und mit ihm die menschliche Sehnsucht – quasi als Paradiesersatz – ohne eigenes Zutun, durch den bloßen Wunsch an sich, immer und überall einen gedeckten Tisch vorzufinden.

Der Wunsch ist legitim. Klappt nur nicht für jeden und alle. Manchmal müssen andere helfen. Etwas dazutun, damit manche Menschen überhaupt etwas auf dem Tisch haben. Tafeln können, wie das große Schlemmen im Mittelalter hieß.

Und der gleichnamige Verein, „Die Tafeln“, hat das seit Jahren dort möglich gemacht, wo Menschen selbst den Wunsch aufgegeben hatten, jemals wieder mehr als das Nötigste zu haben. Der untere Rand unserer so reichen Gesellschaft, über den man in Sonntagsreden gern philosopiert, wo aber kaum einer mal genau hinsieht. Weil es peinlich ist. Unangenehm. Eine Schande. Weil es berührt. Daher berührt, weil es anderen viel schlechter geht als einem selbst, und man dann damit konfrontiert, sich einfach nur mies fühlt nichts getan zu haben. Oder (doch) nichts machen zu können.

Letzteres dann eine Einsicht, die begründend genug ist, auch weiter nichts zu machen.

Hier setzen „Die Tafeln“ an. Sie tun das, was uns zu peinlich, zu kompliziert und zu unangenehm war: sie helfen tatsächlich! Ehrenamtlich, und ständig. Verlässlich für all die, die eine Ergänzung am Tisch brauchen, um satt zu werden. Oder mal etwas anderes zu haben, was sie sich sonst nicht leisten können.

Und da gibt es viele Bedürftige in unsrem ach so reichen Land. Es werden sogar immer mehr. Die schrumpfende Mittelschicht – darüber wird auch immer gern mal wieder geredet – aber auch zunehmend das Scheitern des Lebens an sich, durch Unfall, Tragödien oder schlicht durch (den viel zu schnellen) Wandel der Zeit. Oder bald auch durch Altersarmut.

Natürlich gibt es Regeln. Anders ginge Hilfe nicht, um Missbrauch zu vermeiden. Die Hilfe nicht zur Farce verkommen zu lassen. Das ist nicht einfach, aber auch Bedürftigkeit will geregelt sein, weil es auch da, wo es eigentlich ganz unten angekommen heisst noch Leute gibt, die das wenige für Bedürftige auch noch abzocken wollen. Die Hilfe und Engagement auch noch ausnutzen. Sich bereichern wollen. Auch das ist menschlich. Nur nicht gerade moralisch wertvoll…

Ebenso ist es menschlich, dass viele, denen mit dieser Organisation geholfen werden sollten, die im Ansatz schon für „Die Tafeln“ zur Kernidee gehört haben, niemals zur Ausgabe kommen. Sich schämen – trotz zum Teil jahrzehntelanger Arbeit, durch Schicksalsschlag oder anderen Unbilden des Lebens auf Hilfe angewiesen sein zu müssen. Quasi betteln zu müssen. Viele schreckt das trotz Not und Elend ab.

Andere sind da ganz anders aufgestellt. Und diese haben nun die Essener Tafeln dazu bewogen, pauschal erst einmal einen Riegel vorzuschieben und das „Tischlein deck dich“ auf Bedürftige zu beschränken, die einen deutschen Pass haben. Ein mit den Jahren gewachsener Ausländeranteil von 75% führte zu Konflikten. Vor Ort bei der Verteilung, aber auch in der Grundsatzidee an sich.

Dass hier auch ein Abbild dessen zu beobachten ist, was passiert wenn Integration scheitert, ist ein anderes Thema. Es gibt Essener Stadtteile mit fast 63% Migrantenanteil. Da fällt es schon theoretisch (und rechnerisch) schwer zu glauben, dass die restlichen 37% diese anderen 63% integrieren können. So mögen dann auch 75% an der Essensausgabe der Tafeln entstehen.

Hier einen Zusammenhang zu suchen wird gern verneint. Doch warum dann diese Maßnahme der Essener Tafeln e.V.?

Ausdrücklich wurde auf die Angst der älteren „Kunden“ und alleinerziehenden Frauen hingewiesen. Warum ausgerechnet auf diese? Dass die Angst im Alter wächst ist klar und psychologisch einfach zu erklären. Aber alleinstehende junge Frauen mit Kindern? Warum sollten die Angst haben und lieber mit dem auskommen müssen, was vielen anderen offensichtlich auch nicht reicht?

Könnte das mit dem viel dementierten Zusammenhang in Verbindung stehen, dass gefühlt von jungen männlichen Migranten gewisse Gefährdungen ausgehen? So fühlbar, dass sich die Ärmsten der Armen noch nicht mal mehr zur Lebensmittelausgabe trauen?? Zu einer Ausgabe, die gerade für sie gedacht war. Wo Menschen viel Zeit. Engagement und Tatkraft hineinstecken, dass die Welt ein wenig besser wird? Auch für die, die gern übersehen werden?

Und was passiert, wenn demographisch bedingt die Schlangen länger werden? Die Altersarmut tatsächlich weiter wächst?

Das System der Verteilung ganz unten scheint schon zu kippen. Nicht durch den Ansturm an sich, wohl aber durch den Zusammenprall von verschiedenen Mentalitäten. Die Beschämten und die Glücksritter, schwache Menschen und jugendlich-junge Halbstarke, Rentner und auch zukünftig Erfolglose,… und natürlich auch Frauen und Männer sowie Christen und Moslems, letztere dann wohl auch in der Überzahl.

Dass das nicht nur beim Öffnen der Pforten schwierig ist, weiß jedes Kaufhaus zum Sommerschlussverkauf zu berichten. Auch das wurde jedes Jahr gern als in der Hauptsende-Zeit als Beitragseröffnung gesendet.

Doch wenn es um Essen geht, dann sollten die Schwächsten nicht beiseite gestoßen werden können. Auch ein Teil dessen, was Integration bedeutet. Und wenn da freundliche Erklärungen nicht helfen, müssen eben andere Regulative ran. Und genau das scheint in Essen gemacht worden zu sein.

Und damit das einmal klar gesagt wird: Im demographischen Wandel und der parallel laufenden Digitalisierung werden über die nächsten Jahre Millionen Menschen an die Grenze dessen kommen, was dann Bedürftigkeit ausmacht. Millionen Rentner werden in der Zins- und Mietfalle sitzen und immer weniger zum Leben haben. Gerade in teuren Ballungsräumen. Und das ist auch kein Effekt mangelnder Vorsorge, sondern eine Folge ignoranter, kurzsichtiger und heuchlerischer Politik seit zwanzig Jahren, wo eben diese private Vorsorge aufgefressen wurde.

Es wird immer offensichtlicher, dass die Zeiten des „Tischlein deck dich für alle“ zunehmend das Ende dessen erreicht, was durch das staatliche Unvermögen sinnvoll und illusionsfrei(!) zu planen möglich ist.

Und es fällt – wie immer schon – zuerst da auf, wo die Armut lebt. Nicht in der Mittelschicht und schon gar nicht in der Oberschicht. Und es fällt auch auf, dass denen, denen es (noch) gut geht, völlig bornierte Lösungen für Probleme einfallen, die sie so selbst gar nicht kennen

Auf die Frage warum die Menschen rebellieren, wurde der französischen Königin Marie-Antoinette geantwortet, „dass die Menschen kein Brot hätten“. Auch damals gab es schon Euphemismen… Die Lösung der Königin in Versailles war einfach: „Warum essen die Menschen denn dann keinen Kuchen?“

Mit dieser Lösung im Kopf darf die Debatte um „Die Tafeln“ einmal mitverfolgt werden. Es ist beschämend, wenn Ursache und Wirkung ständig verwechselt werden.

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Der Autor Sascha Rauschenberger

Sascha Rauschenberger, geboren 1966 in Wattenscheid, ging nach dem Abitur zur Bundeswehr, wo er als Panzeraufklärer und Nachrichtenoffizier Dienst tat. Er diente, unter anderem als Reservist, in vier Auslandseinsätzen, zuletzt als Militärberater in Afghanistan.

Seit 2000 ist er als Unternehmensberater im Bereich Projektmanagement und Arbeitsorganisation (Future Work) tätig.

 

 

 


1)Voraussetzungen der „Essener Tafel“: http://www.essener-tafel.de/voraussetzungen/

2)Allein das Wort KUNDE in diesem Zusammenhang ist diffamierend. Nicht für die Bedürftigen, sondern von denen, die das als political correct ansehen. Bedürftigkeit hat nichts, aber auch gar nichts mit „Kundschaft“ zu tun. Das Wort „Bedürftigkeit“ so aus der Welt schaffen zu wollen ist schlicht amoralisch, heuchlerisch und skandalös!

3) Vgl.: Sascha Rauschenberger: Future Work und Megatrends – Herausforderungen und Lösungsansätze für die Arbeitswelt der Zukunft: Ein Kompendium zum demographischen Wandel; Windsor-Verlag 2014, http://future-business-consulting.com/buch-future-work-und-megatrends/

4)An dieser Stelle sei darauf verwiesen, dass der Umfang dessen, was es „schlimmer macht“ andere Bücher gefüllt hat…
Vgl.: Sascha Rauschenberger: „ZAHL, aber halt’s Maul!“, Windsor Verlag (2017): https://shop.windsor-verlag.com/shop/zahl-aber-halts-maul-sascha-rauschenberger-2/

…zu Glossen inspiriert hat:
Vgl.: Sascha Rauschenberger: Mäh, mäh lieber Bürger, es geht Dir an die Wolle! (Eine Glosse), bei: Initiative 50plus (2018):  http://www.bestzeit-plus.de/maeh-maeh-lieber-buerger-es-geht-dir-an-die-wolle-eine-glosse-von-sascha-rauschenberger/

Fotoquelle: Yusuf Simsek: „Das Ende der Hoffnung“

Fotoquelle: Yusuf Simsek: „Das Ende der Hoffnunghttp://simsek.ch/

 

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