Vermögen privater Haushalte in Deutschland steigt – mögliche Gewinne mit Aktien werden nicht genutzt

Entgegen dem Trend im Euro-Raum steigen in Deutschland die Vermögen privater Haushalte. Das liegt vor allem an der Preisentwicklung von Immobilien. Die gute Wert-Entwicklung von Aktien an den Börsen verschlafen die meisten Deutschen.

Das durchschnittliche Nettovermögen privater Haushalte im Euro-Raum ist zwischen 2010 und 2014 inflationsbereinigt um rund zehn Prozent gesunken, wie aus dem „Household Finance and Consumption Survey“ (HFCS) der Europäischen Zentralbank hervorgeht. In Deutschland ist es dagegen im selben Zeitraum gestiegen. Ursachen dafür waren neben gegenläufigen Preisentwicklungen am Immobilienmarkt auch eine Reihe struktureller Unterschiede.

Das Ziel der Studie ist es, die finanzielle Lage und das Konsumverhalten privater Haushalte im Euro-Raum zu messen. Die erste Befragung dieser Art hat bereits im Jahr 2010 stattgefunden. Für die Ergebnisse der nun veröffentlichten zweiten Erhebung wurden zwischen 2013 und 2014 insgesamt 84.000 Haushalte in 18 Ländern des Euro-Raums sowie in Polen und Ungarn befragt. Mit den Daten beider Befragungen können die Forscher nun auch Veränderungen der Vermögensverteilung über die Zeit betrachten. Die Daten für Deutschland stammen aus der Studie der Bundesbank zur wirtschaftlichen Lage privater Haushalte (PHF).

Sinkende Immobilienpreise im Euro-Raum drücken Vermögen

Nicht überall im Euro-Raum steigen die Immobilien-Preise Bild: 50Plus Services

Wie die jüngsten Zahlen zeigen, lag das durchschnittliche Nettovermögen der privaten Haushalte im Euro-Raum 2014 bei 223.300 Euro. Das Nettovermögen beziffert die Höhe des Finanz- und Sachvermögens nach Abzug von Schulden. Gegenüber der ersten Befragung für das Jahr 2010 ist dieser Wert um 9,6 Prozent zurückgegangen.

Im Median fiel das Nettovermögen im selben Zeitraum um 10,5 Prozent auf 104.100 Euro. Der Median gibt das Vermögen des Haushalts an, der genau in der Mitte zwischen der reicheren und der ärmeren Hälfte aller Haushalte liegt. Damit beschreibt er tendenziell die Situation eines typischen Haushalts, während das durchschnittliche Vermögen durch besonders vermögende Haushalte verzerrt werden kann.

Der Rückgang der Nettovermögen hängt eng mit der Entwicklung der Immobilienpreise zusammen: Rund die Hälfte des gesamten Vermögens privater Haushalte im Euro-Raum ist selbstgenutztes Wohneigentum. Mit Ausbruch der Finanz- und Staatsschuldenkrise gingen die Preise für Immobilien in zahlreichen Mitgliedstaaten teils erheblich zurück. Diese Wertverluste spiegeln sich in den gesunkenen Nettovermögen privater Haushalte wider.

Haushalte in Deutschland steigern Vermögen

In Deutschland sind die Nettovermögen dagegen gestiegen. Im Durchschnitt aller Haushalte wuchs der Wert zwischen 2010 und 2014 inflationsbereinigt um 2,4 Prozent auf 214.300 Euro. Damit liegen die deutschen Haushalte leicht unter dem Durchschnitt aller Euro-Mitgliedstaaten von 223.300 Euro.

Der Median des Nettovermögens in Deutschland stieg im selben Zeitraum um 10 Prozent auf 60.800 Euro. Deutschland verzeichnet damit den stärksten Anstieg der Nettovermögen von allen befragten Ländern des HFCS. Gleichwohl bleibt das Nettovermögen im Median hierzulande auf vergleichsweise niedrigem Niveau: Geringer fällt es lediglich in Estland, Lettland und der Slowakei aus. Die höchsten Nettovermögen im Median erreichen Luxemburg mit 437.500 Euro, Belgien mit 217.900 Euro und Malta mit 210.000 Euro.

Strukturelle Unterschiede

Bei der Beurteilung dieser teils gegenläufigen Entwicklungen spielen strukturelle Unterschiede zwischen den Euro-Mitgliedstaaten eine wichtige Rolle. So machen beispielsweise Sachwerte mehr als vier Fünftel des Vermögens aller befragten Haushalte aus, darunter vor allem Immobilien. Deutschland gehört im Euro-Raum jedoch zu den Ländern mit dem niedrigsten Anteil von Eigenheimbesitzern. Der Anteil liegt hierzulande bei 44 Prozent, verglichen mit 60 Prozent im gesamten Euro-Raum.

Unterschiede im Vermögen entstehen auch durch den Einfluss unterschiedlicher sozialer Sicherungssysteme. So werden Ansprüche aus gesetzlichen oder betrieblichen Renten im Rahmen des HFCS nicht zum Vermögen gezählt. Darüber hinaus decken Sozialversicherungen prinzipiell viele bedeutende Lebensrisiken wie Arbeitslosigkeit, Krankheit oder die finanzielle Versorgung im Alter ab. Damit senken sie wichtige klassische Motive, selbst zu sparen und Vermögen aufzubauen.

Deutliche Unterschiede in den Vermögen der privaten Haushalte innerhalb Deutschlands lassen sich zudem noch immer zwischen Ost und West erkennen. So liegt in Westdeutschland das Nettovermögen im Median noch immer deutlich über dem der Haushalte in den ostdeutschen Bundesländern.

Haushalte in Deutschland sind darüber hinaus kleiner als im Durchschnitt des Euro-Raums. So liegt der Anteil an Single-Haushalten in Deutschland bei 40 Prozent, im Durchschnitt des Euro-Raums dagegen bei 32 Prozent.

Ungleichheit kaum verändert

Trotz des Rückgangs der Nettovermögen hat sich die Ungleichheit im Euro-Raum nicht wesentlich verändert. Gemessen wird dies unter anderem mit dem sogenannten Gini-Koeffizienten. Dieses statistische Maß gibt an, wie gleichmäßig die Werte einer Verteilung, beispielsweise die Vermögen, verteilt sind. Ein Gini-Koeffizient von 0 Prozent steht für eine vollkommen gleichmäßige Verteilung, bei einem Wert von 100 Prozent ist die Verteilung dagegen maximal ungleich.

Bei den Nettovermögen der privaten Haushalte im Euro-Raum liegt der Gini-Koeffizient für 2014 bei 68,5 Prozent. Der Anstieg von 0,5 Punkten gegenüber 2010 ist so gering, dass er im Bereich möglicher Messfehler liegt. Für Deutschland liegt der Gini-Koeffizient 2014 unverändert gegenüber der ersten Erhebung bei 76 Prozent, wie aus der nationalen PHF-Studie hervorgeht, die bereits im März 2016 veröffentlicht wurde.

Deutsche vermeiden Risiko und nutzen nur selten Chancen

Einkommen aus Vermögens- und Unternehmensgewinnen steigen schneller als Arbeitseinkommen. Grafik: Böckler-Stiftung

Die Aufteilung der Bruttovermögen der Haushalte auf Sach- und Finanzvermögen hat sich zwischen 2010 und 2014 nicht wesentlich verändert. Nach wie vor stellt das Sachvermögen den überwiegenden Anteil des Bruttovermögens dar. Wie 2010 summierten sich die Immobilien- und Betriebsvermögen sowie der Wert von Fahrzeugen und anderen Wertgegenständen auf annähernd 80% des gesamten Bruttovermögens der Haushalte. Zwar standen einem Teil des Sachvermögens auch Schulden gegenüber, doch selbst nach Abzug der Schulden war das Sachvermögen 2014 noch deutlich höher als das Finanzvermögen der Haushalte. Dies gilt nicht im untersten Fünftel der Vermögensverteilung, in dem die Schulden dominierten und das gesamte Sachvermögen aufwogen.

Innerhalb des Sachvermögens spielten Immobilien die wichtigste Rolle. 44% der Haushalte besaßen 2014 ihren Hauptwohnsitz. Der Anteil von Haushalten mit anderem Immobilienbesitz (z.B. Mietwohnungen, aber auch Grundstücke) lag bei 20%. Fahrzeuge und Wertgegenstände waren zwar weiter verbreitet (75% der Haushalte), ihr durchschnittlicher Wert ist mit 13.200 Euro aber deutlich geringer als der durchschnittliche Wert von Immobilien (231.400 Euro). Der Immobilienbesitz konzentrierte sich vor allem bei den vermögenderen Haushalten. Nicht zuletzt deshalb ist Immobilienbesitz und dessen Wert ein guter Indikator für die Position eines Haushalts in der Vermögensverteilung. Im oberen Fünftel der Netto-Vermögensverteilung war findet man 2014 nicht einmal mehr 10% Haushalte, die nicht in selbstgenutzten Immobilien lebten. Der Anstieg der Immobilienpreise kommt also vor allem auch den Haushalten im oberen Bereich der Vermögensverteilung zugute.

Noch stärker als Immobilienbesitz ist das Betriebsvermögen konzentriert. Nur 10% der Haushalte besaßen 2014 einen Betrieb oder ein Unternehmen, in dem sie eine aktive Rolle ausübten. Auch in der Mitte der Verteilung finden sich vereinzelt Haushalte mit Unternehmensbesitz. Die Unternehmen dieser Haushalte sind aber verhältnismäßig klein und im Durchschnitt nur gut 26 900 Euro wert. Erst bei den nach Nettovermögen reichsten 10% spielte Unternehmensbesitz eine wichtigere Rolle im Portfolio. In dieser Gruppe war 2014 mehr als ein Drittel der Haushalte an Unternehmen beteiligt. Im Durchschnitt summierte sich das Betriebsvermögen für diese Haushalte mit Unternehmensbesitz auf 910 900 Euro.

Nur 10 % der Deutschen interessieren sich für Aktien Bild: Deutsche Börse AG

Nahezu jeder Haushalt in Deutschland besitzt eine Form von Finanzvermögen. Am weitesten verbreitet waren 2014 Guthaben auf Giro- und Sparkonten. So gut wie alle befragten Haushalte verfügten über ein Girokonto. Nicht ganz drei Viertel aller Haushalte besaßen ein Sparkonto bei einer Bank oder Bausparkasse. Der Anteil der Haushalte mit Sparkonten war 2014 um 6 Prozentpunkte geringer als 2011. Allerdings stieg der durchschnittliche Wert der Sparkonten im gleichen Zeitraum an. Fast die Hälfte der Haushalte (46%) verfügte zudem über Vermögen in Form von privaten Rentenversicherungen oder kapitalbildenden Lebensversicherungen. Der Anteil der Sparverträge, Altersvorsorgeprodukte und kapitalbildenden Lebensversicherungen am gesamten Finanzvermögen blieb zwischen 2010 und 2014 konstant, obwohl die Haushalte 2014 insgesamt ein höheres Finanzvermögen aufwiesen als noch 2010.

Aktienbesitz ist dagegen nach wie vor nicht sehr weit verbreitet, nur 10% der Haushalte hatten 2014 einen direkten Aktienbesitz. Bei den vermögendsten 20% der Verteilung lag der Anteil der Aktienbesitzer mit 32% deutlich höher. Der Anteil der Haushalte, die Fonds besitzen, ist zwischen 2010 und 2014 von 17% auf 13% zurückgegangen.  amit ignorieren die meisten Deutschen die Chancen, die ihnen Aktien in den Zeiten der Nullzins-Politik der EZB bieten (siehe hierzu den Beitrag in BESTZEIT-PLUS Deutsche sparen und kaufen Anleihen – dabei wäre mit Aktien viel mehr zu verdienen). Das Anlageverhalten der deutschen Haushalte insgesamt muss also immer noch als eher konservativ angesehen werden.

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