Weg mit dem Seniorenteller. – Ein Kommentar von Helmut Muthers (Babyboomer).

Ältere Menschen wollen nicht als alt bezeichnet werden, weder direkt noch indirekt, weder in der persönlichen Ansprache noch in der Werbung und schon gar nicht, wenn sie erst 50 oder 60 Jahre alt sind.

Der Klassiker: In vielen Restaurants gibt es auf der Speisekarte für ältere Gäste nach wie vor einen Seniorenteller, der dann auch noch so heißt. Ab welchem Alter er angeboten wird, ist selten definiert. Da wird also dem 60-Jährigen, der sich wie Mitte 40 fühlt, sich wie Ende 30 kleidet und wie Anfang 50 aussieht, ein Seniorenprodukt angeboten. Wie gefährlich das sein kann, zeigt das folgende Beispiel: Ein älteres Ehepaar (Sie 72, Er 74) geht gerne und oft zum Essen ins Restaurant, für die beiden ist Essen Genuss und Lebensqualität. Sie probieren mit Vorliebe Neues aus und finden immer wieder interessante Lokalitäten. Bevor sie aber ein Restaurant besuchen, schauen sie sich die Speisekarte im Internet oder soweit vorhanden im Aushang vor dem Restaurant an.

Ihr KO-Kriterium ist der Seniorenteller. Steht er auf der Speisekarte, verzichten Sie auf den Besuch. Für die beiden ist das der Hinweis auf die fehlende Sensibilität des Restaurantbesitzers und Ausdruck von Geringschätzung gegenüber älteren Menschen. Das nicht erkannte Problem des Restaurantbesitzers ist, dass ihm das im Zweifel nicht bewusst ist und er nicht erfährt, dass wegen dieser vordergründigen Kleinigkeit zwei potenzielle neue Gäste gar nicht erst gekommen oder wieder weggegangen sind.

Übrigens: Bei einer Umfrage des Österreich-Tourismus lehnten 96 Prozent der Befragten den Seniorenteller für Menschen 50Plus ab.

Bei der Ansprache älterer Kunden ist höchste Empfindsamkeit gefragt, um solche Fettnäpfchen zu vermeiden. Nach einem meiner Vorträge kam der Inhaber eines Restaurants zu mir und bestätigte meinen Hinweis. Ein älterer Gast hatte ihn darauf hingewiesen, dass er zwar keine üppigen Portionen mehr vertilgen könne, auf einen „Seniorenteller“ aber nun wirklich keinen Appetit habe. Seniorenteller, puh. Das Wort klingt nach Gebrechen und Gebiss, nach weicher Kost und lauer Auswahl. Welcher gaumenfrohe Jungsechziger oder Jungsiebziger, welche bissfeste Mittachtzigerin möchte sich kulinarisch vergreisen lassen? Der Wirt reagierte prompt. Heute bietet er Hauptgerichte wahlweise auch als kleinere und mittlere Portionen an. So sieht sich kein älterer Gast mehr genötigt, dem Ober das „S-Wort“ zuzuflüstern.

Autor Helmut Muthers

Seit mehr als 17 Jahren fokussiert sich Helmut Muthers auf die Chancen der gesellschaftlichen Alterung und den Unternehmenserfolg bei älteren Kunden und Mitarbeitern. Er gehört zur älteren Generation und kennt die Folgen der demografischen Veränderungen aus exakt dieser Perspektive.

Mit mehr als 1.600 Auftritten gehört Helmut Muthers zu den gefragtesten Rednern mit Themen wie „Sie brauchen keine neuen Kunden. Nehmen Sie die Alten.“ und „Die Mitarbeiter werden grau! Na und? Abschied vom Jugendwahn in der Personalpolitik.“

Helmut Muthers ist Betriebswirt, war Bankvorstand und Sanierer mittelständischer Banken. 1994 gründete er das MUTHERS INSTITUT für Strategisches Chancen-Management. Er ist Landes-Geschäftsführer Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz des Bundesverbandes Initiative 50Plus e.V. und Expert-Member des Club 55 (europäische Gemeinschaft von Marketing- und Verkaufsexperten).

Helmut Muthers ist Autor, Mitautor und Herausgeber von 24 Fach- und Hörbüchern, unter anderem „Ab 50 ist man alt… genug, um zu wissen, was man kann und will“, „30 Minuten Marketing 50+“, „Wettlauf um die Alten“.

Er ist Herausgeber des renommierten Coaching-Briefes „Monatliche Praxistipps für die Finanzwirtschaft“ (www.monatlichepraxistipps.com).

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