Wo leben die Alten?! – Ein Kommentar von Renate Zott in BESTZEIT-PLUS

Die Metropolen sehen sich am liebsten so: jung, dynamisch, pulsierend und international. Bis Berlin, Frankfurt oder München graue Haare wachsen wird es auch noch ein bisschen dauern, aber die Tendenzen sind klar und wenn wir Vorausberechnungen glauben wollen, wird es 2050 erstmals mehr alte als junge Menschen auf unserer Welt geben!

Die müssen auch wohnen und zwar immer länger, denn die Lebenserwartung wächst mit. Dieses „Problem“ besteht weltweit und stellt die Gesellschaft vor neue Aufgaben und Herausforderungen. Insbesondere auch deshalb, weil wir neue Parameter zu berücksichtigen haben. Schließlich unterliegen unsere Traditionen und Lebensformen ebenfalls dem Wandel. Vorbei ist die Zeit, wo Senioren bei Ihren Kindern oder Enkelkindern gewohnt haben. Der soziale Kitt bröckelt und damit auch die Unterstützung im Familienverbund. Schon deshalb, weil sich Frauen der jüngeren Generation im Grunde keine Rentenfehlzeiten für die Pflege eines alten Familienangehörigen in ihrem Sozialversicherungsheft leisten können. Es reichen die Erziehungszeiten, wo es mit der Rente ohnehin mau wird. Und wer weiß, wo die Kinder einmal arbeiten und leben werden, wenn es dann soweit ist, mit dem Alter…

Natürlich wollen alte Menschen so lange wie möglich in ihrem eigenen Zuhause leben und ich bin überzeugt, dass das jeder für sich anstrebt. In den großen Städten und deren Peripherie mag das halbwegs autark zu organisieren sein, aber auf dem Land ist es heute schon schwierig. Auch wenn es gesamtwirtschaftlich boomt, ist es um den Einzelhandel auf dem Land schlecht bestellt. Viele Ladengeschäfte im alten Ortskern sind leer und die Tante-Emma-Läden längst ausgestorben. Oft ist schon der nächstgelegene Bäcker- oder Metzgerladen nicht mehr zu Fuß oder mit dem Rollator zu erreichen. Der nächste Supermarkt ist auf der grünen Wiese im Industriegebiet und völlig außer Reichweite. Von einem Arzt, den man mal brauchen könnte, wollen wir jetzt nicht auch noch anfangen – entsprechende Fahrdienste (auch Taxiunternehmen) kosten die Krankenkassen bereits heute über 5 Milliarden EUR p.a. (Stand 2016, GKV-Spitzenverband, Quelle: https://www.gkv-spitzenverband.de/gkv_spitzenverband/presse/zahlen_und_grafiken/gkv_kennzahlen/gkv_kennzahlen.jsp )

Will man sich trotzdem selbst versorgen, hat man im ländlichen Idyll also einige Hürden zu nehmen. Und im Grunde geht es nicht um die Versorgung allein, sondern auch um soziale Kontakte; also Gestaltungsmöglichkeiten neben dem TV-Programm. Vielleicht in einer verwaisten Kita oder Krabbelstube mal eine Senioren-Handarbeitsgruppe einrichten oder gemeinsam Karten spielen oder kochen und auf das Essen auf Rädern verzichten. Hilfe auch zur Selbsthilfe.

Wenn es menschlich gut gelingen soll, müssen alle mitmachen. Und ich meine damit auch die Alten. Verschroben und dickköpfig können sie sein, mürrisch und eigenbrötlerisch. Da hilft es nicht, aus dem schweren Ledersessel mit Schondecke zu grummeln: „Du hast ja nie Zeit.“ Zu bedauern, dass man alt wird, ist kein Grund, andere mit schlechter Laune zu fluten. Auch Dauerklagen sind wohl kein guter Ratgeber. Alt werden heißt eben auch kompromissfähig bleiben und Angebote annehmen, neben dem, was Familie leisten kann. Und da fällt mir ein Gespräch mit einer jungen Dame ein, die mir strahlend berichtete, dass ihr 80jähriger Großvater nach etlichen Jahren der Verweigerung nun ein Smartphone hat. Stolz wie Oskar ist er, weil er das >whats appen< gelernt hat und nimmt per Bild- und Sprachnews nun viel mehr am Leben seiner Enkelkinder teil und sie an seinem. „Geil“ sagt er, ist das. Und seine Augen leuchten.

Ich prognostiziere: es wird einen steigenden Bedarf an neuen Lebens- und Wohnlösungen geben, der mehr verlangt, als das bloße organisieren von Versorgung. Schließlich geht es um uns. Menschen.

Sammeln – wegschließen – weiter — kann die Lösung von morgen nicht sein.

Die Autorin Renate Zott

Renate Zott wohnt in Frankfurt am Main und ist aktive Kämpferin für ein positives Altersbild. Renate Zott, erst Versicherungs-Maklerin und jetzt Managerin einer Haustechnik-Firma, ist verheiratet und Mutter eines erwachsenen Sohnes.

Renate Zott ist Botschafterin des Bundesverband Initiative 50Plus und Kreis-Geschäftsführerin des BVI50Plus in Frankfurt am Main.

Sie betreibt den Blog www.topagemodel.de. Renate Zott ist auch bei Facebook und Instagram.

Sehen Sie Renate Zott im 50PlusFernsehen:

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